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Der Weg zu Tubular Bells: 1971 - 1973

Während dieser Periode begann Mike, die musikalischen Ideen zusammenzutragen, aus denen "Tubular Bells" entstehen sollte. Er benutzte ein von Kevin Ayers geliehenes Bandgerät und entdeckte, daß er durch das Abdecken des Löschkopfes mittels eines Stücks Pappe mehrere Instrumente aufnehmen konnte. Dank dieser Methode war er in der Lage, seine Motive und musikalischen Ideen auf Band zu bannen, die er zur Verwirklichung seines Vorhabens benötigte. Dieses war, ein sinfonisches Werk zu kreieren, ähnlich den aufwendigen, mehrsätzigen Kompositionen der klassischen Musik für große Orchester.

Auf dem Tonbandgerät, das Mike in seinem Schlafzimmer des Hauses hatte, in dem er mit einigen anderen Mitgliedern der Band wohnte, nahmen die Ideen für das neue Werk langsam Gestalt an.

Als er sich an die Arbeit machte, beschloß er, alle Instrumente im Alleingang zu spielen. Er entdeckte, daß er in der Lage war, praktisch allen Instrumenten Klänge zu entlocken, vom Glockenspiel bis zum Konzertflügel, von der klassischen Gitarre bis zur Farfisa-Orgel. Während er weiterhin mit Kevin Ayers zusammenarbeitete, wirkte er bei Aufnahmen in den berühmten Abbey Road Studios in London mit. Schon bald entdeckte er, daß das Studio auch einen Lagerraum voller Instrumente beherbergte. Dadurch, daß er sehr früh zu den Treffen erschien, konnte er mit diesen Instrumenten experimentieren und so neue Klänge und Strukturen seinen musikalischen Ideen hinzufügen.

Dieser Alleingang führte dazu, daß die tiefen Eindrücke, die er während dieser Phase erlebte, sich auf seine Musik auswirkten. Es ist äußerst zweifelhaft, ob Mike in seiner damalige Gemütsverfassung in der Lage gewesen wäre, dem Druck einer Zusammenarbeit mit anderen über einen längeren Zeitraum standzuhalten. Dies trifft in erster Linie auf dieses Werk zu, das in zunehmendem Maße zu einem Ventil für Mikes Emotionen wurde, mit denen er immer schlechter zurecht kam.

Nachdem er eine Rohversion auf Band aufgenommen hatte, wandte er sich an die Plattenfirmen, um diese für die Fortführung des Projektes zu gewinnen. Seine Bemühungen stießen jedoch auf generelle Ablehnung. Man sagte ihm, dieses Projekt könne nicht vermarktet werden, was bedeutete, niemand würde es kaufen. Sein Vertrauen in dieses Werk wurde dadurch auf eine harte Probe gestellt. Nachdem er die hypnotische Eröffnung, das Hauptmotiv (das Thema, das sich in diesem Werk wiederholt und verändert wird) komponiert hatte, verließ ihn der Gedanke an den ultimativen Erfolg nicht mehr. Wenn er doch nur dieses Werk aufnehmen, veröffentlichen und vermarkten könnte!

Ein zufälliges Treffen eröffnete ihm den Weg in diese Zukunft. Mike hatte der Kevin Ayers-Band den Rücken gekehrt und nahm, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, Gelegenheitsjobs als Gitarrist an. Einer dieser Jobs war der in der Band der Londoner Produktion des Hippie-Musicals "Hair", was im £ 5 pro Abend einbrachte. Zudem war er seit kurzem Bassist der von Soulsänger Arthur Lewis geleiteten Band. Diese war gerade zu Aufnahmen in einem neueröffneten Studio, das sich in einem Gutshaus in Shipton-on-Cherswell befand, etwas 20 Meilen entfernt von Oxford.

Die Manor-Studios waren für Richard Branson von Tom Newman errichtet worden, unter anderem mit der Unterstützung durch Simon Heyworth. Alle im Team waren freundschaftlich verbunden. Es waren auch einige Freundinnen anwesend, die sich um Haus und Hof kümmerten. Wie Mike sich später erinnerte, "wirkte das ganze wie eine große Familie auf mich".

Die Atmosphäre im Studio und die Einstellung von Newman und Heyworth ermöglichten es Mike, eine Demoaufnahme seiner musikalischen Ideen zu erstellen. Beide zeigten sich spontan begeistert. Heyworth und Newman unternahmen daraufhin den Versuch, Branson davon zu überzeugen, das Werk zu veröffentlichen und Studiozeit im Manor zur Verfügung zu stellen. Branson erklärte, die Zeit dafür sei noch nicht reif. Man solle zunächst auf die Ankunft Simon Drapers warten, der sich ihm zur Gründung von Virgin angeschlossen hatte. Draper galt als ausgesprochener Fachmann, und als er erstmals Mikes Ideen hörte, war er sofort fasziniert.

Mike probte und verfeinerte sein Werk, das nun einen Namen bekommen hatte: "Tubular Bells" (frühere Ideen waren unter anderem "Breakfast In Bed" und "Opus One"). Aber die Hoffnung, er könne seinen Traum verwirklichen, hatte er fast schon aufgegeben, als Draper ihm eine Woche Studiozeit im Manor anbot. Es wurde eine große Auswahl verschiedener Instrumente zusammengestellt und mit der Arbeit begonnen. In dieser einen Woche schaffte Mike es, den größten Teil der ersten Hälfte fertigzustellen, während der Rest innerhalb der folgenden Monate aufgenommen wurde, wenn das Studio gerade nicht gebucht worden war.

Von Beginn an nutzte Mike die damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten vollständig aus. Sehr bald waren alle 16 Spuren ausgenutzt. Als weitere Instrumente hinzukamen, wurden sowohl die Fähigkeiten von Heyworth und Newman als Tontechniker ebenso wie ihr Erinnerungsvermögen auf eine harte Probe gestellt.

Die Spurtabelle nahm einen großen Teil des Studiofußbodens ein. Die Ausrüstung war nicht automatisiert und so mußte die Arbeit von Hand erledigt werden, indem Mike, Simon Heyworth und Tom Newman mit allen verfügbaren Fingern am Mischpult hantierten. Dies war keine der üblichen Künstler-/Produzent-Beziehungen, sondern alle drei lernten zusammen auf ihrem gemeinsamen Weg.

Während der Aufnahmen spielte Mike mehr als 20 Instrumente, und es wurden mehr als 2000 Einspielungen gemacht. Die gesamte Musik war sein eigenes Werk mit Ausnahme von Viv Stanshall, Jon Field (Flöte), Steve Broughton (Schlagzeug), Mundy Ellis und Sally Oldfield (Gesang) sowie Tom Newman und Simon Heyworth als Co-Produzenten.

Nachdem die Aufnahmen fertiggestellt waren, nahm Branson die Bänder von "Tubular Bells" mit zur Messe der Musikbranche, der MIDEM, in Cannes im Januar 1973. Der Geschäftsführer einer amerikanischen Plattenfirma sagte ihm: "Klatsch´ noch etwas Gesang drüber und ich gebe dir $ 20000". Als niemand ernsthaftes Interesse zeigte, beschlossen Branson und Draper, das Album auf ihrem neuen Label Virgin zu veröffentlichen.

"Tubular Bells" erschien am 25. Mai 1973. Das Werk war sowohl von der Aufnahme als auch der Abmischung her ein wahres Kunstwerk. Die Kritiker gaben sich die alle Mühe es einzuordnen. Die Hörer schlossen es einfach in ihr Herz.

Die Kritiker in der britischen Presse überschlugen sich förmlich. Der einflußreiche Radio-DJ John Peel schrieb, "dies ist eine Platte, die tatsächlich neue musikalische Wege beschreitet, mit einer Musik, die Logik mit Überraschung kombiniert und Sonnenschein mit Regen". "Ein gewaltiges Werk, fast schon klassisch in seinem Aufbau und geschickten Umsetzung des Themas", schreibt der Melody Maker. Einige Kritiker glaubten auch herausgefunden zu haben, wodurch Mike beeinflußt wurde. "Die Struktur von "Tubular Bells" orientiert sich an Sibelius, Vaughan Williams und Last Night of the Proms", schrieb Fernsehproduzent Tony Palmer.

"Tubular Bells" wird immer ein eigenständiges Ereignis in der Geschichte der Rockmusik sein, das Herz und Phantasie von so vielen Menschen erobert hat. Es ist auch der Ausgangspunkt auf dem Weg seines Schöpfers vom 19jährigen zum reifen Erwachsenen mit vielen Veränderungen und Entdeckungen. Im Juli gelangte "Tubular Bells" in die britischen Charts und erreichte rasch den Spitzenplatz. "Tubular Bells" verkaufte sich bald auch in ganz Europa.

Im Juni 1973 wurde "Tubular Bells" live in der Queen Elizabeth Hall in London aufgeführt. Mit dabei waren die Gitarristen Mick Taylor (damals Rolling Stones), Steve Hillage (Gong), Fred Frith (Henry Cow) und Ted Speight, außerdem David Bedford, Kevin Ayers und Pierre Moerlen, der Schlagzeuger der Avantgarde-Band Gong, der in den kommenden Jahren zu einem von Mikes festen Musikern werden sollte. Steve Winwood, der ebenfalls mitwirken sollte, mußte aufgrund mangelnder Gelegenheit zu proben absagen. Die Reaktionen des Publikums wurde vom Kritiker des New Musical Express so beschrieben: "Das gesamte Publikum stand auf und brüllte nach mehr. Es war einer dieser seltenen spontanen Ausbrüche der Wertschätzung."

"Tubular Bells" erschien auch in den USA, allerdings stellte sich der Erfolg dort langsamer ein. Der Anstoß kam, als sich der Regisseur William Friedkin entschied, einen vierminütigen Ausschnitt für seinen umstrittenen Horrorfilm "Der Exorzist" zu verwenden. Dies geschah ohne Absprache mit Mike, und er erzählte Interviewern, daß er damit nicht unbedingt glücklich sei.

In Großbritannien erschienen eine "Tubular Bells"-Single sowie eine neu abgemischte Fassung des Albums im neuen Quadrophonie-Format, ein System, das für seine volle Wirkung vier Lautsprecher benötigt. Um den Effekt des Systems vorzuführen, enthielt diese Quadro-"Tubular Bells" eine spezielle Zugabe nach "Sailor´s Hornpipe", in der ein Flugzeug herumfliegt.