Während dieser
Periode begann Mike, die musikalischen Ideen zusammenzutragen, aus denen
"Tubular Bells" entstehen sollte. Er benutzte ein von Kevin Ayers
geliehenes Bandgerät und entdeckte, daß er durch das Abdecken des
Löschkopfes mittels eines Stücks Pappe mehrere Instrumente aufnehmen
konnte. Dank dieser Methode war er in der Lage, seine Motive und
musikalischen Ideen auf Band zu bannen, die er zur Verwirklichung seines
Vorhabens benötigte. Dieses war, ein sinfonisches Werk zu kreieren,
ähnlich den aufwendigen, mehrsätzigen Kompositionen der klassischen
Musik für große Orchester.
Auf dem Tonbandgerät, das Mike in seinem Schlafzimmer des Hauses
hatte, in dem er mit einigen anderen Mitgliedern der Band wohnte, nahmen
die Ideen für das neue Werk langsam Gestalt an.
Als er sich an die Arbeit
machte, beschloß er, alle Instrumente im Alleingang zu spielen. Er
entdeckte, daß er in der Lage war, praktisch allen Instrumenten Klänge
zu entlocken, vom Glockenspiel bis zum Konzertflügel, von der
klassischen Gitarre bis zur Farfisa-Orgel. Während er weiterhin mit
Kevin Ayers zusammenarbeitete, wirkte er bei Aufnahmen in den berühmten
Abbey Road Studios in London mit. Schon bald entdeckte er, daß das
Studio auch einen Lagerraum voller Instrumente beherbergte. Dadurch,
daß er sehr früh zu den Treffen erschien, konnte er mit diesen
Instrumenten experimentieren und so neue Klänge und Strukturen seinen
musikalischen Ideen hinzufügen.
Dieser Alleingang führte
dazu, daß die tiefen Eindrücke, die er während dieser Phase erlebte,
sich auf seine Musik auswirkten. Es ist äußerst zweifelhaft, ob Mike
in seiner damalige Gemütsverfassung in der Lage gewesen wäre, dem
Druck einer Zusammenarbeit mit anderen über einen längeren Zeitraum
standzuhalten. Dies trifft in erster Linie auf dieses Werk zu, das in
zunehmendem Maße zu einem Ventil für Mikes Emotionen wurde, mit denen
er immer schlechter zurecht kam.
Nachdem er eine
Rohversion auf Band aufgenommen hatte, wandte er sich an die
Plattenfirmen, um diese für die Fortführung des Projektes zu gewinnen.
Seine Bemühungen stießen jedoch auf generelle Ablehnung. Man sagte
ihm, dieses Projekt könne nicht vermarktet werden, was bedeutete,
niemand würde es kaufen. Sein Vertrauen in dieses Werk wurde dadurch
auf eine harte Probe gestellt. Nachdem er die hypnotische Eröffnung,
das Hauptmotiv (das Thema, das sich in diesem Werk wiederholt und
verändert wird) komponiert hatte, verließ ihn der Gedanke an den
ultimativen Erfolg nicht mehr. Wenn er doch nur dieses Werk aufnehmen,
veröffentlichen und vermarkten könnte!
Ein zufälliges Treffen eröffnete ihm den Weg in diese Zukunft. Mike
hatte der Kevin Ayers-Band den Rücken gekehrt und nahm, um sich seinen
Lebensunterhalt zu verdienen, Gelegenheitsjobs als Gitarrist an. Einer
dieser Jobs war der in der Band der Londoner Produktion des
Hippie-Musicals "Hair", was im £ 5 pro Abend einbrachte.
Zudem war er seit kurzem Bassist der von Soulsänger Arthur Lewis
geleiteten Band. Diese war gerade zu Aufnahmen in einem neueröffneten
Studio, das sich in einem Gutshaus in Shipton-on-Cherswell befand, etwas
20 Meilen entfernt von Oxford.
Die Manor-Studios waren für
Richard Branson von Tom Newman errichtet worden, unter anderem mit der
Unterstützung durch Simon Heyworth. Alle im Team waren freundschaftlich
verbunden. Es waren auch einige Freundinnen anwesend, die sich um Haus
und Hof kümmerten. Wie Mike sich später erinnerte, "wirkte das
ganze wie eine große Familie auf mich".
Die Atmosphäre im Studio und
die Einstellung von Newman und Heyworth ermöglichten es Mike, eine
Demoaufnahme seiner musikalischen Ideen zu erstellen. Beide zeigten sich
spontan begeistert. Heyworth und Newman unternahmen daraufhin den
Versuch, Branson davon zu überzeugen, das Werk zu veröffentlichen und
Studiozeit im Manor zur Verfügung zu stellen. Branson erklärte, die
Zeit dafür sei noch nicht reif. Man solle zunächst auf die Ankunft
Simon Drapers warten, der sich ihm zur Gründung von Virgin
angeschlossen hatte. Draper galt als ausgesprochener Fachmann, und als
er erstmals Mikes Ideen hörte, war er sofort fasziniert.
Mike probte und verfeinerte
sein Werk, das nun einen Namen bekommen hatte: "Tubular Bells" (frühere
Ideen waren unter anderem "Breakfast In Bed" und "Opus One"). Aber die Hoffnung, er könne seinen Traum verwirklichen,
hatte er fast schon aufgegeben, als Draper ihm eine Woche Studiozeit im
Manor anbot. Es wurde eine große Auswahl verschiedener Instrumente
zusammengestellt und mit der Arbeit begonnen. In dieser einen Woche
schaffte Mike es, den größten Teil der ersten Hälfte fertigzustellen,
während der Rest innerhalb der folgenden Monate aufgenommen wurde, wenn
das Studio gerade nicht gebucht worden war.
Von Beginn an
nutzte Mike die damals zur Verfügung stehenden technischen
Möglichkeiten vollständig aus. Sehr bald waren alle 16 Spuren
ausgenutzt. Als weitere Instrumente hinzukamen, wurden sowohl die
Fähigkeiten von Heyworth und Newman als Tontechniker ebenso wie ihr
Erinnerungsvermögen auf eine harte Probe gestellt.
Die Spurtabelle nahm einen großen Teil des Studiofußbodens ein. Die
Ausrüstung war nicht automatisiert und so mußte die Arbeit von Hand
erledigt werden, indem Mike, Simon Heyworth und Tom Newman mit allen
verfügbaren Fingern am Mischpult hantierten. Dies war keine der
üblichen Künstler-/Produzent-Beziehungen, sondern alle drei lernten
zusammen auf ihrem gemeinsamen Weg.
Während der Aufnahmen spielte
Mike mehr als 20 Instrumente, und es wurden mehr als 2000 Einspielungen
gemacht. Die gesamte Musik war sein eigenes Werk mit Ausnahme von Viv
Stanshall, Jon Field (Flöte), Steve Broughton (Schlagzeug), Mundy Ellis
und Sally Oldfield (Gesang) sowie Tom Newman und Simon Heyworth als
Co-Produzenten.
Nachdem die
Aufnahmen fertiggestellt waren, nahm Branson die Bänder von
"Tubular Bells" mit zur Messe der Musikbranche, der MIDEM, in Cannes im Januar
1973. Der Geschäftsführer einer amerikanischen Plattenfirma sagte ihm:
"Klatsch´ noch etwas Gesang drüber und ich gebe dir $
20000". Als niemand ernsthaftes Interesse zeigte, beschlossen
Branson und Draper, das Album auf ihrem neuen Label Virgin zu
veröffentlichen.
"Tubular Bells" erschien am 25.
Mai 1973. Das Werk war sowohl von der Aufnahme als auch der Abmischung
her ein wahres Kunstwerk. Die Kritiker gaben sich die alle Mühe es
einzuordnen. Die Hörer schlossen es einfach in ihr Herz.
Die Kritiker in
der britischen Presse überschlugen sich förmlich. Der einflußreiche
Radio-DJ John Peel schrieb, "dies ist eine Platte, die tatsächlich
neue musikalische Wege beschreitet, mit einer Musik, die Logik mit
Überraschung kombiniert und Sonnenschein mit Regen". "Ein
gewaltiges Werk, fast schon klassisch in seinem Aufbau und geschickten
Umsetzung des Themas", schreibt der Melody Maker. Einige Kritiker
glaubten auch herausgefunden zu haben, wodurch Mike beeinflußt wurde.
"Die Struktur von "Tubular Bells" orientiert sich an Sibelius,
Vaughan Williams und Last Night of the Proms", schrieb
Fernsehproduzent Tony Palmer.
"Tubular Bells" wird immer ein eigenständiges
Ereignis in der Geschichte der Rockmusik sein, das Herz und Phantasie
von so vielen Menschen erobert hat. Es ist auch der Ausgangspunkt auf
dem Weg seines Schöpfers vom 19jährigen zum reifen Erwachsenen mit
vielen Veränderungen und Entdeckungen. Im Juli gelangte "Tubular
Bells"
in die britischen Charts und erreichte rasch den Spitzenplatz.
"Tubular Bells" verkaufte sich bald auch in ganz Europa.
Im Juni 1973 wurde
"Tubular Bells" live in der Queen Elizabeth Hall in London aufgeführt. Mit dabei
waren die Gitarristen Mick Taylor (damals Rolling Stones), Steve Hillage
(Gong), Fred Frith (Henry Cow) und Ted Speight, außerdem David Bedford,
Kevin Ayers und Pierre Moerlen, der Schlagzeuger der Avantgarde-Band
Gong, der in den kommenden Jahren zu einem von Mikes festen Musikern
werden sollte. Steve Winwood, der ebenfalls mitwirken sollte, mußte
aufgrund mangelnder Gelegenheit zu proben absagen. Die Reaktionen des
Publikums wurde vom Kritiker des New Musical Express so beschrieben:
"Das gesamte Publikum stand auf und brüllte nach mehr. Es war
einer dieser seltenen spontanen Ausbrüche der Wertschätzung."
"Tubular Bells"
erschien auch in den USA, allerdings stellte sich der Erfolg dort
langsamer ein. Der Anstoß kam, als sich der Regisseur William Friedkin
entschied, einen vierminütigen Ausschnitt für seinen umstrittenen
Horrorfilm "Der Exorzist" zu verwenden. Dies geschah ohne
Absprache mit Mike, und er erzählte Interviewern, daß er damit nicht
unbedingt glücklich sei. In Großbritannien erschienen eine
"Tubular Bells"-Single sowie eine
neu abgemischte Fassung des Albums im neuen Quadrophonie-Format, ein
System, das für seine volle Wirkung vier Lautsprecher benötigt. Um den
Effekt des Systems vorzuführen, enthielt diese Quadro-"Tubular
Bells"
eine spezielle Zugabe nach "Sailor´s Hornpipe", in der ein
Flugzeug herumfliegt. |