Obgleich er als Meister des Aufnahmestudios
gilt, spielen Liveauftritte eine wichtige Rolle in Mikes künstlerischem
Leben. Nachdem er seine Therapie Ende der Siebziger erfolgreich
abgeschlossen hatte, fühlte er sich bereit, um mit einer großen Band
auf Tournee zu gehen. Daraus resultierte dann das Livealbum
"Exposed". Die erste
Mike Oldfield-Tour fand 1979 statt. Sie begann etwa sechs
Jahre nach der Veröffentlichung von "Tubular Bells". Die aufwendige Show
wurde mit Chor und Orchester, rund 50 Personen, aufgeführt. Es gab eine
Mannschaft von 25 Roadies und Technikern, und für den Transport der
Ausrüstung wurden drei Sattelschlepper benötigt. Unter den
Mitwirkenden waren Maddy Prior, die den Ausschnitt mit Henry Longfellows
Gedicht Hiawatha aus "Incantations" sang, die Gitarristen Phil Beer und
Nico Ramsden sowie Pierre Moerlen mit seinem Bruder Benoit am
Schlagzeug. Darüber hinaus enthielt die Gruppe zwei traditionelle
Folkmusiker, Robin Morton und Ringo McDonough, sowie Mitglieder des
Queens College-Mädchenchores. Für eine optische Untermalung sorgten
Filme, die von Ian Emes speziell dafür gedreht worden waren.
Die Tour startete in Madrid und Barcelona, wo Mike und die Musiker
"Tubular Bells" und "Incantations" vor einem, so ein Journalist,
"Publikum von 30000 tobenden jungen Spaniern" aufführten. Es
fanden elf weitere Konzerte in Deutschland, Belgien, Frankreich, den
Niederlanden, Dänemark und England statt, die sowohl vom Publikum als
auch den Kritikern als voller Erfolg gewertet wurden. Im Juli brachte
Virgin "Exposed" heraus, eine Live-Doppelalbum, das während der Tournee
aufgenommen wurde. Später offenbarte Mike, daß die Tour selbst ein
finanzielles Desaster gewesen sei.
Im Frühjahr 1980 bildete Mike eine elfköpfige Gruppe für eine
Europatournee mit vierzig Auftritten, in denen Material aus
"Platinum" vorgestellt wurde. Mitglieder dieser Gruppe waren unter anderem der
Saxophonist Pete Bimbo Acock, Pierre und Benoit Moerlen und die
Sängerin Wendy Roberts. Erneut stellte Ian Emes Filmsequenzen für die
Hintergrundprojektion zur Verfügung, unter anderem eine
Meereslandschaft, in der ein Segelflugzeug schwebte. Die Liveshows
erreichten ihren Höhepunkt beim Knebworth Festival im
Juni. Nachdem er
mit einem Helikopter eingeflogen wurde, war er nach den Beach Boys und
Lindisfarne an der Reihe. Auch Santana trat auf. Mikes exzellente
musikalische Fähigkeiten fanden auch Anerkennung bei einem Kritiker des
Record Mirror, der schrieb: "Der Klang war kristallklar, stellte
die neuen Farben und Schattierungen seiner Arrangements heraus."
Als Folge der neuen Betonung der leichteren Aspekte seines Werkes
veröffentlichte er zwei Coverversionen als Singles. Die erste war
"Arrival", ein Gruß an Abba, die den progressiven Rock aus
ihrem harten Kern in die Popszene geführt hatten. Es folgte ein Tribut
von ganzem Herzen.
"Wonderful Land" war die Neuinterpretation
eines Stückes der Shadows aus dem Jahre 1962, deren Chef Hank Marvin
alle jungen Gitarristen aus Mikes Generation inspirierte.
Es grenzt an Ironie, daß viele Leute, die mit Mikes Gesamtwerk nicht
vertraut sind, ihn ihm in erster Linie einen Keyboarder sehen. Sein
Hauptinstrument ist jedoch die Gitarre. Sein Stil erinnert stark an den
von John Renbourn und Bert Jansch, zwei Akustik-Instrumentalisten, die
einen frühen Einfluß auf ihn ausgeübt hatten. Viele Stunden
verbrachte er damit, ihre Musik zu analysieren und zu erlernen, und
eignete sich dabei eine enorme technische Fertigkeit an. Als E-Gitarrist
braucht Mike Vergleiche mit den besten nicht zu scheuen.
"Arrival" und
"Wonderful Land" erschienen beide
auf "QE2", einer LP im Stil von
"Platinum". Dieses Mal erschien das
Hauptstück von der ersten Seite des Albums, "Taurus 1", in
einem Finale auf der zweiten Seite wieder. "QE2" wurde zusammen mit dem
Toningenieur David Hentschel co-produziert, der zuvor für Genesis
gearbeitet hatte. Hentschel sagte in einem Interview: "Ich habe
Mikes Musik immer geliebt. Wir haben uns gegenseitig mit unseren Ideen
ergänzt. Es hat riesigen Spaß gemacht, und ich glaube, das muß es
auch, wenn die Arbeit gelingen soll."
Auf "QE2" wirkten Schlagzeuger Phil Collins, Keyboarder Tim Cross
und Sängerin Maggie Reilly mit. Die frühere Vokalistin der
schottischen Soul-/Rockband Cado Belle sollte in den nächsten fünf
Jahre zu einem bedeutenden Mitglied in Oldfields Team werden.
Die Reaktionen auf "QE2" waren gemischt, und selbst Mikes stärkste
Fans in der Musikpresse glaubten, er wiederhole sich, anstatt neue Ideen
zu präsentieren. Mikes Fans unter den Lesern schlugen zurück. Ein
Leser schrieb an den Record Mirror, "die Kritiker werden auch in 50
Jahren keine Ahnung von seiner wahren Größe haben, wenn seine Musik
weiterhin von den Menschen gehört und geliebt wird."
Tourneen wurden nun zu einem jährlichen Ereignis. Die
Tour 1981
durch Großbritannien und Europa fand mit einer kleineren Band statt,
die aus Maggie Reilly, Keyboarder Tim Cross, Bassist Rick Fenn sowie den
Schlagzeugern Morris Pert und Mike Frye bestand.
Während seine letzten Alben nicht mehr die Spitzenpositionen der
Charts erreichten, setzte sich der phänomenale Erfolg von "Tubular
Bells"
fort. Im Juli 1981 gab Virgin bekannt, daß zehn Millionen Exemplare
verkauft worden seien. Im gleichen Monat gab Mike ein kostenloses
Konzert als Teil der Feierlichkeiten zur Hochzeit von Prinz Charles und
Lady Diana Spencer. In Anerkennung dessen und seiner "Leistungen
für den Export" erhielt er später die Ehrenbürgerschaft der
Stadt London. Zuvor schon bildete er zusammen mit Persönlichkeiten wie
Billy Idol, Phil Lynott und Noddy Holder die Jury eines nationalen
Talentwettbewerbes für Popbands.
Zum Abschluß dieses Jahres schien es, Mike sei ins Establishment
aufgestiegen, er wurde ins Who´s Who aufgenommen, dem exklusiven
Nachschlagewerk über die Top-Persönlichkeiten Großbritanniens: als
einziger Popmusiker neben Paul McCartney. Auf die Frage, warum Mike für
dieses Buch ausgewählt worden sei, antwortete eine Mitarbeiterin, sie
sei sich nicht sicher gewesen, "aber er ist jemand, von dem jeder
schon gehört hat, oder nicht?".
In seinem Who´s Who-Eintrag nennt er als seine Leidenschaft das
Fliegen (Flugzeuge und Helikopter). 1979 hatte er seinen Pilotenschein
gemacht, und ein Zwischenfall ein Jahr später inspirierte ihn zum
Titelsong des 1982 erschienenen Albums
"Five Miles Out". Im August 1980
steuerte Mike eine zweimotorige Piper Navajo über die Pyrenäen in
Spanien, als die Maschine in ein Gewitter geriet. "Wir wurden wie
ein Pfannkuchen hochgeschleudert, an den Propellern bildete sich Eis,
der Regen schlug gegen die Scheibe, und alle haben geschrien!",
sagte er in einem Interview. Das Ereignis wurde auch in einem Gemälde
eines bekannten Malers aus dem Bereich der Luftfahrt festgehalten, den
Mike hiermit beauftragt hatte.
Wie "Platinum" und
"QE2" kombinierte auch
"Five Miles Out"
einen langen Titel mit einer Reihe von kürzeren Stücken. Das lange
Stück war "Taurus II", in dem Paddy Moloney als Gast
mitwirkte. Unter den Liedern war das von Maggie Reilly gesungene
"Family Man". Die Single erreichte jedoch nur die unteren
Ränge der Charts. Im folgenden Jahr behauptete sich eine Version von
Hall & Oates unter den US-Top 10.
"Family Man" war ein frühes Beispiel für eine Art Musik,
die für Mike eine neue Herausforderung darstellte.
"Moonlight Shadow",
"Shadow
On The Wall",
"Five Miles Out"
und "Islands" waren in erster Linie Popsongs, aber sie
besaßen eine Dynamik und Abwechslung.
Der Großteil von
"Five Miles Out" wurde in einem in Mikes Heim
eingerichteten Studio in Buckinghamshire aufgenommen. Das Haus wurde
aufgrund seiner Nähe zu London und des nahen Flugplatzes gewählt, von
dem aus Mike fliegen konnte.
"Five Miles Out" war Mikes größter Hit in Großbritannien seit
"Ommadawn", und dies trotz negativer Kritiken in der Musikpresse. Die
Single "Mistake" wurde von einem der Schreiber als
"Stadionrock der Mittsiebziger" abqualifiziert, während ein
anderer Kritiker darüber klagte, daß "Mike ohne Sinn und Verstand
herumspielt". Aber Mike konterte. Vom New Musical Express gefragt,
was er am meisten haßt, antwortete er: "Vermutlich hasse ich euer
altersschwaches Blatt mehr als alles andere auf der Welt."
Außerdem erzählte er, daß sein Lieblingsfilm "2001 – Odyssee
im Weltraum" sei und seine Vorbilder Sibelius und Captain Kirk (aus
der Serie "Raumschiff Enterprise").
1982 unternahm Mike seine bislang größte
Tournee, in der er sowohl
in Europa als auch in Nordamerika, Japan und Australien auftrat. Für
diese Welttournee stellte er eine neue Gruppe zusammen, unter anderem
mit Maggie Reilly, Pierre Moerlen, Morris Pert, Tim Cross und Rick Fenn.
Ein Londoner Konzert wurde im Daily Express von Ray Coleman wohlwollend
kommentiert, der das Publikum als "junge, verheiratete Pärchen,
die bequem sitzen und einen Abend lang Musik genießen möchten."
Im Mai 1983 war das zehnjährige Jubiläum von "Tubular
Bells". Mike
veröffentlichte sein achtes Album,
"Crises", und gab im Juli ein großes
Konzert in der Wembley Arena in London. Bei diesem Auftritt und der
vorangegangenen Tour wurde er unter anderem vom Schlagzeuger Simon
Phillips und von Phil Spalding, dem früheren Bassisten von Toyah,
unterstützt.
"Crises" war die erste von Simon Phillips co-produzierte
Veröffentlichung. Es sangen Jon Anderson von Yes, Roger Chapman auf
"Shadow On The Wall" und Maggie Reilly. Ein herausragender
Track war "Moonlight Shadow".
Gesungen von Maggie Reilly, wurde er oft fälschlicherweise als Hommage an John Lennon aufgefaßt und avancierte
in Großbritannien zu Mikes
erfolgreichster Single seit
"Portsmouth" sieben Jahre zuvor
sowie zu einem Nr. 1-Hit in vielen Ländern Europas.
1984 war eines der arbeitsreichsten Jahre in Mikes Karriere. Es
begann mit der Nachricht einer Spende über £ 300 an die Stadt
Presteigne nahe der walisischen Grenze, unweit seines früheren
Zuhauses, wo er "Hergest Ridge" geschrieben hatte. Dieses Geld wurde
benötigt, um jede Nacht nach dem letzten Willen eines
1565 verstorbenen Wollhändlers die Kirchenglocke läuten zu lassen.
Mikes berufliche Aktivitäten beinhalteten 1984 die Veröffentlichung
eines neuen Albums, eine
Europatournee mit 50 Auftritten und die Arbeit
an seinem ersten kompletten Filmsoundtrack. Die Musik war für
"The
Killing Fields", Roland Joffes preisgekrönten Film über den
Bürgerkrieg in Kambodscha.
Er empfand es als schwierig, für einen derart
"herzzerreißenden, emotionsgeladenen Film" zu komponieren. Um
die Musik zu komponieren, verband er das Videogerät mit seinem Fairlight
Computer. Die Musik basierte zu einem großen Teil auf volkstümlichen
kambodschanischen Klängen. Der Ohrwurm
"Etude", eine
Komposition von Francisco Tarrega, erschien im November als Single.
Das Album "Discovery" aus dem Jahre 1984 war das erste, das Mike
außerhalb Englands produzierte. Er richtete sich in einem Haus ein
Studio ein, das in 2000 Metern Höhe an einem Schweizer Berghang mit
Blick über den Genfer See lag, wo er mit seinem Co-Produzenten Simon
Phillips an einer Auswahl neuer Songs, darunter einem Instrumentalstück
namens "The Lake", arbeitete. Diesmal teilten sich Maggie
Reilly und Neuling Barry Palmer den Gesang. Unter diesen Songs war
"To France", inspiriert durch die Lebensgeschichte Mary Queen
of Scots. Während diesem Lied in England nur mäßiger Erfolg
beschieden war, wurde es im übrigen Europa zu einem großen Hit.
Mikes Fähigkeiten als Rockgitarrist brachten ihm neue Anhänger aus
den Reihen der Heavy Metal-Szene ein. Im Metal-Magazin Kerrang! zitierte
der altgediente Journalist Chris Welch begeistert den antiken
griechischen Dichter Thucydides, um
"Discovery" zu loben: "Wir, die
wir das Schöne und dennoch Einfache unseres Geschmacks lieben, pflegen
unseren Geist ohne Verlust an Männlichkeit."
Musik aus "Discovery" war im Programm der 1984 absolvierten
Tournee,
auf der ihn Maggie Reilly, Barry Palmer, Simon Phillips, Phil Spalding
und Harald Zuschrader unterstützten, stark vertreten. |