Mike Oldfield kommt zur Siegessäule
Vom Exzentriker zum Optimisten – Der Musiker über das
Fest
Nein, ein Silvesterfan ist Mike Oldfield eigentlich überhaupt
nicht. Das hängt mit den hohen Erwartungshaltungen zusammen,
die Menschen mit besonderen Tagen verknüpfen.
"Normalerweise geht an solchen Tagen immer alles schief.
Die Mutter kommt in die Psychiatrie, der beste Freund wird krank
..." Am liebsten verbringt er Silvester schlafend.
Dieses Jahr wird er allerdings eine Ausnahme machen und rund
um Mitternacht ein Konzert an der Siegessäule geben. Schon als
14jähriger war der heute 46jährige Pop-Musiker erfüllt von
Musik, damals trat er zusammen mit Schwester Sally als Folk-Duo
auf. Mit "Tubular Bells" schaffte er im Alter von 20
den Durchbruch, seine Kunst, die Prinzipien minimalistischer
Musik mit Folk- und Rockmotiven zu mildern und für ein
breiteres Publikum attraktiv zu machen, fand viele Deuter. Und
nun kommt er live mit den "Millennium Bells". Weil
Musik sein Leben ist, hat er sich früh überlegt, dass er den
Übergang ins Jahr 2000 musizierend verbringen will. Ja, und mit
Publikum. Das hat schließlich eine innere Logik, wenn man an
einem erinnerungswürdigen Tag etwas tut, was das eigene Leben
bestimmt, was ganz typisch für einen selbst ist.
Aber warum Berlin? "Sowas fragen wirklich nur
Berliner", sagt er und schüttelt verständnislos den Kopf.
"Wo sonst? Berlin ist die Stadt im Moment, voller Energie,
voller Kreativität, voller Veränderung. Es gibt keinen
spannenderen Ort. Berliner", fährt er Grimassen schneidend
fort, "reden von ihrer Stadt immer nur so, als bestünde
sie aus grauem Alltag. So ein Quatsch." Für ihn ist das
gar nicht so, für ihn ist dies "eine Stadt voller
Visionen". Noch einen Grund gibt es, warum Mike Oldfield
Silvester in Berlin verbringen will. "Das ist auch eine
Frage der Chemie mit dem Publikum." Gleich bei seinem
ersten Berliner Auftritt Anfang der 80er Jahre hat er das gespürt,
eine gewisse Wärme, ein gegenseitiges Funkensprühen. Also
Berlin, also Siegessäule, also ein Publikum von tausenden, wenn
nicht gar hunderttausenden von Menschen. Spürt er da nicht
schwer die Last der Verantwortung auf seinen Schultern lasten?
Nein, das eigentlich nicht. Natürlich hat er Lampenfieber, und
das wird durch so ein riesiges Publikum nicht besser. "Aber
ich habe ein gutes Team, die sind alle ganz ruhig und voller
Selbstvertrauen, das überträgt sich auf mich." Außerdem
gefällt ihm sein neues Album, und wenn er erst einmal
angefangen hat zu spielen, verfliegt alle Angst. Und weil es so
ein ganz besonderer Tag ist, bringt er alle Menschen, die ihm
nahe stehen, mit zur Siegessäule: Freundin Franny, seine fünf
Kinder, die Band und die ganze Backstage-Familie. "Das wird
eine richtig schöne Party", hat er sich schon Wochen
vorher gefreut. Bei einem Open-Air-Konzert in Spanien hat er vor
100 000 Leuten gespielt, "eine unglaubliche Atmosphäre."
Ein einziges Problem bereitet ihm Sorgen, aber die Sorge
teilt er wahrscheinlich mit vielen anderen, die aus aller Welt
ausgerechnet nach Berlin gekommen sind, um hier den letzten Tag
vor Anbruch des Jahres 2000 gemeinsam zu zelebrieren. Wie kommt
man zurück ins Hotel? Alles abgesperrt und voller
Menschen.Fliegen kann er nicht. Zu Fuß gehen ist ein Problem,
erstens dauert das eine Weile und ist bei dem Wetter nicht sehr
gemütlich, zweitens könnte es noch länger dauern, wenn die
Fans Autogramme haben wollen. Vielleicht hilft eine Perücke?
"Genau", lacht er zu seiner Assistentin herüber,
"oder ich leihe mir ihren Cowboy-Hut aus. Das wird sich
alles lösen lassen."
Eigentlich hat er den Ruf eines Exzentrikers, aber die
Aussicht auf einen grandiosen Jahreswechsel scheint ihn
harmonisch zu stimmen. Er lacht viel und stöhnt komisch
verzweifelt über jede skeptische Bemerkung. Angesichts der
computergesteuerten Untergangsstimmungen könnte Optimismus
geradezu zur Gegenhaltung der Exzentriker werden. Was bestimmt
sonst sein Leben? Er wohnt außerhalb Londons, ist aber oft in
der Stadt. Sein Lieblingszeitvertreib? "Bonsai-Bäume
umbringen!" Eigentlich will er sie züchten, aber hat damit
gewisse Mühen. Außerdem liebt er Ferien in den Tropen. "Wäre
das eine Alternative gewesen?" "Fragen Sie sie bloß
nicht", lacht er, als ich mich an Franny wende. Die aber lächelt
nur: "Das Wichtigste ist doch, mit Michael zusammen zu
sein."
"Genau", sagt der. "Tropische Ferien kann man außerdem
immer machen, dafür ist dieser Abend eigentlich zu
schade."
(aus Tagesspiegel, 1999)
|