Licht-Bahnhof am Himmel
"Art in Heaven" plant das größte
Silvester-Spektakel aller Zeiten
Vergessen Sie André Hellers Feuerwerk vor 15 Jahren am
Reichstag! Alles nur Kleinkram gegen das, was Berliner und
Touristen aus aller Welt zum Jahrtausendwechsel an der Siegessäule
erwartet. "Das größte Lichtprojekt der Welt. Wir werden
den Vorgänger in Atlanta toppen", versprach am gestrigen
Montagvormittag die Art in Heaven GmbH und deren Produzent Achim
Perleberg.
Ein Spektakel aus Licht, Feuerwerk und Musik soll rund vier
Stunden lang die Massen verzaubern, "Kunst am Himmel",
was auf Englisch eben viel toller klingt. Gigantisch ist alles,
was Perleberg und der Regisseur und Lichtchoreograph Gert Hof,
der sich lieber Art Director nennt, ankündigen: 250
Xenon-Edelgas-Scheinwerfer, sternförmig um die Siegessäule
placiert, strahlen über 70 Kilometer weit in den Himmel.
"Es wird eine Lichtpyramide, eine Millenniumskathedrale,
ein Licht-Bahnhof ins 3. Jahrtausend, eine Komposition, die
Menschen noch nie in diesem Facettenreichtum erlebt haben",
schwelgen die Macher in Superlativen. 150 Trucks fahren das
Equipment auf, 350 Helfer entwirren die Kabel. Drei Millionen
Watt Licht werden dabei erzeugt - der Energiebedarf Berlins für
vier Tage.
Keine Verschwendung, wie ein kleinkarierter Mensch kopfschüttelnd
anmerkte, wenn das 24 Millionen Mark teure, von einer Bank,
deren Name leider nicht verraten wurde, finanzierte Projekt
wirklich gelingt. Synchron zu den Lichtspielen wird ein Groß-Aufgebot
an Musik aus allen Stilen aufgefahren: Für die Klassik-Freunde
die Staatskapelle St. Petersburg und der Glinka-Chor, Alexandros
Karozas für die Multi-Kulti-Ecke, die Berliner Kultband Silly
spielt und Pamela - nein, nicht Anderson, wie sich Produzent
Perleberg wunschträumend versprach - Falcon singt, eine Sängerin
im Musical "Starlight Express".
Höhepunkt und Zugpferd aber ist gegen Mitternacht der
Auftritt von Mike Oldfield. Der Pop-Star der 70er-Jahre, mit Strähnchen-blond-onduliertem
Strubbelhaar eigens zur Pressekonferenz angereist, hat nämlich
eine neue Platte namens "The Millennium Bell" gemacht.
Und träumt, so gestand er gestern, schon seit Jahren von einer
Silvesternacht in Berlin.
Amüsiert erinnerte er sich an ein Konzert in der
Deutschlandhalle und zuvor einen gefährlich langen Aufenthalt
mit seinem Lkw an der DDR-Grenze. Irgendeine gute Fee hat
Oldfield und die "Art in Heaven"-Macher zusammengeführt.
Gottseidank konnte man Gert Hof überzeugen, sein Licht-Projekt
nicht in Athen uraufzuführen.
Nun also ist es Berlin, das den Bonus der Weltpremiere für
das größte Licht-Kunstwerk aller Zeiten erhält. Hat die Show
Erfolg, wird sie nach Athen und New York verkauft. Jetzt
arbeiten Hof und Oldfield daran, aus ihren zwei fertigen
Projekten ein neues Millenniums-Event für eine grandiose
Erleuchtung zu schneidern.
(aus Die Welt, 1999)
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