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Übelstes Gesäusel

Mike Oldfield eröffnete die Openair- Konzertreihe "Live at Sunset" vor dem Landesmuseum.

"Das bringt alles wieder füre", sagt ein Mann hinter mir, als Mike Oldfield am Donnerstag mit seiner fünfköpfigen Band eine Kurzversion von "Ommadawn" anstimmt. Die beiden Endvierzigerinnen vor uns haben ihre Rotweinflasche schon geleert und sind sentimentaler Stimmung.

"Ommadawn" (1975), Oldfields drittes Album, war bereits weit von dem entfernt, was den Reiz seines 1973 erschienenen Erstlings "Tubular Bells" ausgemacht hatte. Von wegen "bringt alles wieder füre": Ich weiß noch genau, unter welchen Umständen ich die Platte mit den Röhrenglocken (das nämlich heißt "Tubular Bells") gehört habe: Ich lag - allein - auf einem aufgeklappten, mit Jeansstoff bezogenen Bettsofa. Um mich herum der langflorige dunkelgrüne Teppichboden. In der Ecke ein eierschalenfarbener Sitzsack mit einer geplatzten Naht, so daß die Styropor-Kügelchen sich zwischen den Teppichfasern einnisteten.

Auf Oldfields Platte war eine niedliche kleine Klaviermelodie zu hören, die im Sinne der Minimalmusic endlos wiederholt wurde, und darüber schichtete der gerade zwanzig gewordene Musiker Instrument um Instrument. Das hatte etwas Hypnotisches – "fuhr ein", wie es damals hieß -, aber es verströmte auch den Charme des Gebastelten: Oldfield hatte die Platte mit den 28 Klangkörpern in monatelanger Studioarbeit praktisch im Alleingang zusammengestückelt. Vor allem aber besaß der Mann Humor: Er ließ Vivian Stanshall, den Sänger der Dada-Rockband Bonzo Dog, als Zeremonienmeister die neu auftretenden Instrumente ankündigen, und das Lustigste überhaupt war der Piltdown Man auf Seite zwei: Als Urmensch knirschte, schnarrte und heulte Oldfield, und dazu spielte er atemberaubende Läufe auf der Gitarre. Allein von "Tubular Bells" wurden 16 Millionen verkauft, da folgten nach einer Orchesterversion dann auch noch "Tubular Bells II und III".

Gitarre spielen kann er auch heute noch: Der musikalisch stärkste Moment des Konzerts im stimmungsvollen Hof des Landesmuseums kommt, als Oldfield auf seiner akustischen Gitarre ganz allein "Muse" (vom neuen Album "Guitars") interpretiert - ohne Keyboardschaumgummi und digital eingespeisten Schlagzeugdonner. Doch da holt die Frau vor uns bereits die zweite Flasche Rotwein, und hinter uns wird laut geschwatzt. Am besten gefällt dem Publikum eben, wenn es von der Sängerin Pepsi Demacque zum Mitsingen aufgefordert wird. Bewundernswert die körperliche Leistung der Frau: Mit gebeugten Knien stampft sie auf Bleistiftabsätzen über die Bühne, die Hände zum Klatschen hochgestreckt und die Brust nach vorn gereckt. "Shadow On The Wall" singt sie dazu und später "Moonlight Shadow". Sie hat die Funktion, das Publikum anzuheizen, denn Oldfield steht in seinem veralteten schwarzen Anzug mit dem weißen T-Shirt meist nur da und sagt kaum etwas.

Ausgerechnet in "Tubular Bells III" fährt das Konzert aber noch einmal gut ab (und ein): In einer rockigen Passage lassen Oldfield, der "musical director" Adrian Thomas und Claire Nicholson gleich drei elektrische Gitarren durcheinander heulen. Sonst aber dominiert übelstes Gesäusel. Der kleine Ausschnitt aus den ersten "Tubular Bells" ist grauenvoll: Nach dem Motto "Komik raus, Esoterik rein" wurde dem Stück noch der letzte Funken Humor ausgetrieben. Stattdessen gibt es kitschigste Vokalisen von Pepsi und ab und an Sampler, und in dieser Gruppe darf wirklich jede und jeder einmal auf einem Keyboard herumdrücken. Herr Oldfield zieht sich derweil hinter einen Lautsprecher zurück und raucht ein Zigarettchen. Vielleicht träumt auch er von den alten Zeiten und wünscht sich insgeheim, der Piltdown Man schwinge sich auf die Bühne und haue mit einem Saurierknochen alle Keyboards kurz und klein.

(aus Tages-Anzeiger, 1999)