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Disney wäre begeistert

Mike Oldfield läutet "The Millennium Bell" im Rückblick auf 2000 Jahre

Geigen und Celli hetzen durch stürmische Melodien, werden angefeuert von einem unentwegt stampfenden Beat. Die London Händel Singers erklimmen die dramatischen Höhen eines Crescendos, dessen vokale Pracht mit der Inhaltsleere seines Textes kollidiert: Nicht eine tragische Liebesbeichte wird da als Arie geschmettert, es sind nur die Namen Francesco Donato, Pietro Polani und Enrico Dandolo, die trotz nimmermüder Wiederholung sinnfrei durch den Klangraum irren. Was klingt, als wäre es der Soundtrack zu einer disney-fizierten Zeitreise durch die Renaissance, ist in Wirklichkeit Teil des Albums "The Millennium Bell", mit dem Mike Oldfield rechtzeitig zur Jahrtausendwende seinen musikalischen Rückblick auf die vergangenen 2000 Jahre formuliert.

Mit seinem vermeintlichen Jahrtausendwerk will Oldfield in der Silvesternacht 1999 an der Berliner Siegessäule auftreten, wo er seine Musik zur Licht-Inszenierung "Art in Heaven" beisteuert. Er stellt sich dem Wagnis dieser gigantischen Licht-Inszenierung und glaubt, dabei nicht ins Fahrwasser von Reichsparteitags-Dramaturgien geraten zu können. Oldfield, der den herkömmlichen Tourneebetrieb längst zu Gunsten einzelner Großereignisse vernachlässigt hat, plagt sich erst gar nicht mit der Frage, ob man manche Symbole auf Grund ihrer historischen Belegung eher meiden sollte: "Was kann faschistisch sein an einem Lichtdom?", fragt der Mittvierziger, der sich während seiner 25jährigen Karriere bisher selten im diskursiven Dickicht des Mehrdeutigen aufgehalten hat. "Schließlich stehe ich auf der Bühne und spiele mit der Staatskapelle St. Petersburg. Meine Musik wird eine positive Ausstrahlung haben. Und den Nazis sage ich, daß sie abhauen sollen." Schwer zu sagen, ob hinter solchen Sätzen pure Ignoranz steckt oder schlichte Naivität. Aufschluß gibt etwa seine Reaktion auf die Vermutung, daß musikalische Inhalte im Millenniums-Wirbel untergehen könnten: "Das ist doch völlig belanglos", sagt er. "Meine Inhalte interessieren niemanden. Das Datum, der Ort, die Aufmerksamkeit sind wichtig."

Engelschöre und Ibiza-Techno

Doch immerhin hat Oldfield in den letzten sechs Monaten viel Arbeit investiert, um die Musik für "The Millennium Bell" zu schreiben und sie mit dem London Session Orchestra aufzunehmen. Obwohl er sich dabei Mühe gibt, Inhalte durch orchestralen Pomp zu ersetzen, folgt seine Reise durch die Jahrtausende bedeutungsvollen Stationen: Christi Geburt, die Dynastie der Inkas, die Entdeckung Amerikas samt Sklaverei, der Zweite Weltkrieg, Anne Frank und das Informationszeitalter. Alles wird in groben, musikalisch belanglosen Klischees gezeichnet, die aber als historischer Platzhalter unmittelbar zu verstehen sind. Egal, ob es sich dabei um Ibiza-Techno als Sinnbild der Digitalisierung handelt oder um die Ouvertüre, in der Engelschöre von der Geburt Christi jubilieren. Eine Methode bei der Auswahl dieser Ereignisse habe er nicht verfolgt, erklärt Oldfield. Sie seien ihm im trance-artigen Zustand der Kreativität eingefallen und er habe seine Intuition nie angezweifelt: "Man muß die Dinge lieben, die man macht, und den Mut aufbringen, diese Dinge durchzusetzen", sagt er.

Doch es ändert nichts daran, daß die elf Stücke auf "The Millennium Bell" lieblos und schematisch klingen, da Oldfield seine frühere Detailbesessenheit dem Bombast opfert. Dazu paßt auch die zweifelhafte Recherche-Arbeit: Die eingangs erwähnten Namen der Dogen bezog Oldfield aus einer Internet-Liste, in der alle Regenten der Republik Venedig verzeichnet waren. An Bezügen mangelt es daher ebenso wie am Grund, warum ausgerechnet die Herren Donato, Polani und Dandolo herhalten mußten für die mehr als 1000 Jahre währende Vorherrschaft Venedigs. Walt Disney wäre von dieser rückständefreien Loslösung der Geschichte aus ihrem komplizierten Kontext begeistert gewesen.

(aus Berliner Zeitung, 1999)