Silvester aus Licht
Silvester in Berlin wird dieses Jahr ganz im
Zeichen des wichtigsten deutschen Films der letzten Jahre, Lola
rennt, stehen. Denn wer sich das Festprogramm antut, wird so
schnell nicht stillstehen wollen: Ab 18 Uhr treten am
Brandenburger Tor die Mr. Joe Cocker Revival Band und die Berlin
Blues Brothers auf. Vor dem Rathaus spielen die Puhdys, auf dem
Gendarmenmarkt läuft Kati Witt, und abends gehört der Pariser
Platz Sat.1 und Lou Bega und Modern Talking - bis dem Morgen
graut. Als ob dies Elemente eines von Jochen Gerz ersonnenen,
furchtbaren Kunstkonzepts seien, dessen Ziel es wäre, alle
Feiernden dazu zu bringen, gleichzeitig Munchs Schrei und die
rennende Lola zu imitieren. Es bleibt nur ein Ausweg: zur
Siegessäule! Da musiziert Mike Oldfield, und dessen Musik hat
bekanntlich noch nie gestört.
Doch halt. Nun kommt Event-Regisseur Gerd Hof
ins Spiel. Durch erstklassig schurkische PR-Arbeit und das
auffällige Herumhantieren mit allerlei Nazisymbolik hat er sich
mühsam das Adjektiv "umstritten" erworben. Er will den Raum über
der Siegessäule gigantisch ausleuchten, zu einer
"Lichtkathedrale". Eine Vokabel, die prompt Wirkung zeigte:
Riesenkrach! Grass, Rühmkorf, Staeck und Schorlemmer waren
empört und mit einem entsprechenden Aufruf zur Stelle.
Ihre Forderung umzusetzen und die Sache
abzublasen wäre aber allzu trostlos - in einer ohnehin
trostarmen Nacht. Denn ein Fest wird schließlich nicht nach den
noch so verqueren Inspirationen eines Licht-Regisseurs
beurteilt, sondern nach den Erfahrungen der Feiernden. Und wer
vor Modern Talking zur Siegessäule flieht, dort eine von, wie
die Süddeutsche Zeitung verspricht, Millionen Bratwürsten
verzehrt, Schampus kippt und sich die Lichtfiguren ansieht, hat
mit Nürnberg 1936 ebenso wenig im Sinn wie mit Versailles 1871.
Durch das gleichnamige Schwullesbenmagazin, die Love-Parade und
vor allem Wim Wenders' Himmel über Berlin ist die Siegessäule zu
einem republikanischen Symbol der Sinnlichkeit geworden. Die
bunte, bewegte Lichtinszenierung an diesem Ort abzusagen würde
darauf hinauslaufen, diese demokratische Neubesetzung zu
ignorieren und den Totalitäts- und Kontinuitätsanspruch der
Nazis im Nachhinein anzuerkennen. Nicht die Scheinwerfer sind
entscheidend, sondern das, woran die Menschen denken, wenn sie
nachts in den Himmel schauen. Und an Silvester 2000 in Berlin
hat das nichts mit Speer, aber viel mit Wenders und Tykwer zu
tun: weiterrennen!
(aus Die Zeit, 1999)
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