Oldfields "Millennium Bell"
Streifzug durch 2000 Jahre Menscheitsgeschichte bei
gleichzeitiger Zusammenführung aller Weltkulturen
"Ladies and Gentleman, Mike Oldfield präsentiert Ihnen: ,Das
Jahrtausend-Ei'." Wäre es nicht schön, am Silvester-Abend diese
Ansage unter der illuminierten Berliner Gold-Else zu hören? Doch
da war der Künstler vor. Oldfield setzte sich frühzeitig gegen
den Geschäftsmann Richard Branson durch, der 1973 sein
"Virgin"-Imperium mit Oldfields erster Platte begründete. Eine
der ersten Ideen des Imperiengründers war es, das Album
"Breakfast in Bed" zu nennen und auf dem Cover ein Ei
abzubilden. Mike Oldfield hat also verhindert, daß heute
weltweit Platten mit Titeln wie "Das Ei II", "Das Ei III" sowie
"Das orchestrale Ei" in den Regalen stehen.
"Tubular Bells" - der Name, den Oldfield Bransons Eiern
vorzog - sind röhrenförmige, gebogene Orchesterglocken. Sie
bildeten den Höhepunkt des knapp fünfzigminütigen Stückes, in
dem Oldfield rund 30 Instrumente spielt und bei ihren Einsätzen
ansagt. Sein Verdienst um die musikalische Früherziehung
mehrerer Generationen von Hippie-Kindern kann nur mit dem von
Carl Orff verglichen werden. Bei Oldfield lernten auch
unbedarfte Hörer, einen Baß von einer Gitarre zu unterscheiden.
Es musste einfach nur mal jemand die Namen nennen.
Die kompositorischen Grundlagen für seinen
Ballaststoff-reichen Art-Rock hatte Oldfield bei Minimalisten
wie Steve Reich und Philip Glass gefunden. Hinzu kam die Anfang
der Siebziger verbreitete Mode, Stücke in Albumlänge zu machen.
Der damals Zwanzigjährige war über Nacht ein gemachter Mann und
ist wohl auch deshalb bei seiner Rezeptur geblieben. Oldfield
schreibt keine Fünfzigminüter mehr, doch auch sein Album "The
Millennium Bell" funktioniert nach dem Prinzip der musikalischen
Schichtspeise. Allerdings gibt er sich nicht mehr damit
zufrieden, Instrumentalstimmen über einander zu legen. Fürs
Millennium tut er es nicht unter einem Streifzug durch 2000
Jahre Menschheitsgeschichte bei gleichzeitiger Zusammenführung
aller Weltkulturen. Etwa so, wie manche Fluggesellschaften es in
ihren Werbespots versuchen. Oldfield hat für das Konzept
angeblich "keine zehn Minuten" gebraucht und versucht, "es so
simpel wie möglich zu halten". Vom intellektuellen Minimalismus
seines Kollegen Dieter Bohlen ist Oldfield damit nicht weit
entfernt. Sein musikalischer Pauschal-Trip jedenfalls klingt,
als hätten Rondo Veneziano 15 Folgen "Vox-Tours" geguckt und
dabei schwer einen über den Durst getrunken. Nun läuft dieser
über kreuz gelötete Ethno-Quark in der Silvester-Nacht nach dem
vierten Satz aus Beethovens neunter Symphonie bei einer Feier,
die 250 Millionen Zuschauer im Fernsehen verfolgen können.
Vielleicht wäre "Das Jahrtausend-Ei" doch ein guter Titel
gewesen.
(aus Der Tagesspiegel, 1999)
|