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Pflichtübungen eines einstigen Propheten

Der englische Klangzauberer Mike Oldfield hat am Donnerstag das zweite "Live At Sunset"-Open Air im Hof des Zürcher Landesmuseums eröffnet. Obwohl verkrampft und lustlos wirkend, wurde der alt gewordene Meister vom Publikum frenetisch bejubelt.

Der Mann kann einem leid tun. Vor gut 25 Jahren gelang ihm der Coup seines Lebens: Mit seinem Album "Tubular Bells" traf der damals 20jährige den Nerv einer verwirrten Zeit und wurde zum angebeteten Propheten der Räucherstäbchenjugend. Von diesem Erfolg - und darin liegt seine Tragik - zehrt Mike Oldfield bis heute.

In Zürich wurde der Meister von einer ausverkauften Arena voll untertänigster Fans jeglichen Alters empfangen. An sich die beste Gelegenheit, um sein neues Album "Guitars" vorzustellen, mit dem er - nach einigen Flops - "völlig neue Wege" gehe, wie sein Label verspricht. Doch es kam anders.

Zeitensprung und Joints

Oldfield selbst, so machte es den Anschein, ist von "Guitars" kaum überzeugt. Kein Wunder, denn die wenigen angespielten Kostproben erwiesen sich als seichter Abklatsch des originalen und originellen Oldfield-Sounds von damals.

Nach einem sphärisch überhöhten, aber blutleeren Einstieg setzte er deshalb zum Zeitensprung an. Mit einer Kurzversion von "Ommadawn" zelebrierte er eine seiner trotzig poetischen und minimalistisch genialen Ethno-Hymnen aus den verklärten 70er- Jahren. Das Publikum zog mit und steckte die ersten Joints an.

Immer wieder "Tubular Bells"

Es mag hart sein für einen Künstler in den besten Jahren, zu merken, daß sein Zenit weit zurückliegt. Oldfield weiß darum: Nach einer weiteren Auswahl an wirklich fantasielosen "Guitars"- Songs intonierte er das gleichsam zum Signet gewordene Thema von "Tubular Bells". Das Publikum reagierte mit Kreisch-Euphorik.

Und so kam es, daß der Rest des Konzertes von jenem Opus Magnum dominiert wurde, das bis heute als harmonisches Synonym des Namens Mike Oldfield gilt. Es erklangen Ausschnitte aus "Tubular Bells I", "Tubular Bells III" (als Album ein Flop!) und einer gigantomanisch technoiden Fin-de-siècle-Version.

Schemenhafte Erscheinung

Aufgelockert wurde dieser Versionen-Reigen nur noch von einigen sphärischen Fingerübungen und Hits wie "Shadow on the Wall" oder "Moonlight Shadow" (beide auf "Crises" von 1983). Letzteres wurde als Zugabe geliefert, bevor Oldfield die standing ovation mit einem besonderen Zückerchen quittierte: "Tubular Bells"...

Mike Oldfield muß einem nicht leid tun. Er ist ein genialer Musiker, der es zu immensem Reichtum und der Anbetung als unsterbliche Pop-Ikone gebracht hat. Doch Ikonen leben nur im Geiste. So auch Oldfield, der trotz trendiger Kurzhaarfrisur und schickem Anzug keine Erscheinung des Jetzt, sondern ein Schemen des Damals ist. 

Daß seine Botschaft aus der Vergangenheit beim Zürcher Publikum derart erfolgreich angekommen ist, verdankt der Meister denn vor allem seiner fünfköpfigen Band. Mit vollem Einsatz hat diese ihren eigenbrötlerischen, schüchternen (und gefrusteten?) Chef als zeitlosen Star inszeniert. Und dabei sollte es auch bleiben.

(aus BWNews, 1999)