Strahler hüllen "Goldelse" in blaues Licht
Berlin rüstet sich für die Silvesternacht, die ein
Lichtspektakel an der Siegessäule krönt
Der Himmel über Berlin ist in der Silvesternacht für das
größte Lichtspektakel seit Bestehen der Bundesrepublik
reserviert. Während gestern mit den Vorbereitungen der
spektakulären Aktion "Art in Heaven" begonnen wurde, ging der
Streit über eine befürchtete Nazi-Ästhetik nach dem Muster von
Hitlers Architekten Albert Speer weiter. Zur Vorbereitung der
Mega-Party mit den erwarteten 1,5 Millionen Besuchern wurden
unterdessen die ersten Straßen zwischen Tiergarten,
Brandenburger Tor, Unter den Linden und Alexanderplatz gesperrt.
Nach Einsatzplänen der Polizei sind 8600 Beamte in der
Millenniumsnacht auf den Straßen von Berlin unterwegs. Feuerwehr
und Rettungsdienste bleiben rund um die Uhr voll besetzt. Auf
den Bahnhöfen und im Bahnverkehr der Hauptstadt werden über 4500
Beschäftige Dienst tun. 6700 Taxis fahren die ganze Nacht für
die Besucher.
Inzwischen laufen die Installationen für die
Lichtprojektionen auf vollen Touren. Herzstück des Projekts mit
musikalischer Untermalung von Mike Oldfield ist die Siegessäule
mit der im Volksmund "Goldelse" genannten Göttinnenfigur auf der
Spitze. Für die von Regisseur Gert Hof geleitete Aktion sollen
über 250 Strahler, zwölf Leuchtballons und rund 600
Speziallampen eingesetzt werden. Kurz vor Mitternacht sollen die
erwarteten 250 000 Besucher die Siegessäule mit Taschenlampen
anstrahlen.
Ursprünglich hatten die "Art in Heaven"-Veranstalter nach
Vorentwürfen die Absicht, gleißendes Licht wie antike Säulen in
das Firmament zu strahlen. Daraufhin setzte ein Sturm der
Empörung von Intellektuellen ein, darunter
Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Er forderte den
vollständigen Verzicht auf die Schau, da sie zu sehr an die
Illumination von Parteitagen und Sportveranstaltungen während
der NS-Zeit erinnere.
Daraufhin wurde - begleitet von kontroversen Debatten und
Leserzuschriften in der Berliner Presse - die Licht-Show
"entnazifiziert". Ihre Macher wollen nun an Stelle von weißen
Lichtkathedralen die Siegessäule in blaues Licht tauchen und die
Lichtführung der Scheinwerfer kreuz und quer um die Säule
leiten.
An der NS-Vergangenheit des Standorts der Siegessäule selbst
ist jedoch nichts zu ändern. Das 1873 enthüllte Bauwerk stand
nämlich bis 1938 vor dem Reichstag. Die Nationalsozialisten
versetzten das Denkmal im Rahmen ihrer Pläne zum Umbau der
Reichshauptstadt in die Welthauptstadt Germania an den Großen
Stern im Tiergarten. Das Monument ist ein begehrtes
Touristenziel. Über 285 Stufen ist die Aussichtsplattform zu
erreichen.
(aus Mannheimer Morgen, 1999)
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