Lichte Demokratie
Streit um Silvester-Show an der Siegessäule beendet
"Sprengen. Einfach sprengen", sagte Gert Hof. So hätte seine
Idee ausgesehen, hätte er den Auftrag erhalten, sich politisch
mit der Siegessäule auseinanderzusetzen. Seine Lichtshow aber
soll nur ein "völkerverbindendes Fest" zu Silvester sein. Den
"langweiligen Kreis" von 250 Spots um die Säule habe er nur
gewählt, um den Verkehr am Großen Stern nicht zu behindern. Er
habe nie beabsichtigt, in die Nähe der NS-Ästhetik zu kommen.
Hof bezeichnete die Vorwürfe gegen die Lichtshow als "absurd,
aber einzusehen". Die Diskussion sei zum "unbegreiflichen
Selbstläufer" geworden, der zumindest zeige, dass die Demokratie
in Deutschland doch noch eine Chance habe. Irgendwann müsse man
aber wieder "zurück an den Küchentisch", so Hof.
Der Aufforderung des Senats folgend, hat Hof das Konzept der
Lichtshow verändert. Die modifizierte Version für das 15 Minuten
lange Spektakel nach Mitternacht sei "sehr radikal, aber
akzeptabel": Demonstrativ löst sich der Künstler von der
kreisförmigen Lichtinstallation, die viele Kritiker an den
Lichtdom des Naziarchitekten Albert Speer erinnerte. Jetzt
beschreiben die 3,8 Millionen Watt Strom verschlingenden
Strahler annähernd ein Kreuz. Außerdem zieht Hof der Goldelse
ein blaues Neonkleid über. Eine zweite Lichtsäule und acht bunte
Querstrahler sollen jede anrüchige Symmetrie vermeiden. Mehr
Farbe und Bewegung sollen der Show endgültig den Dünkel der
Speerschen Lichtkunst nehmen.
Bausenator Peter Strieder habe das Konzept begeistert
aufgenommen und bei den erneuten Genehmigungen Entgegenkommen
zugesichert, sagte Hof. Wegen der quer verlaufenden
Lichtstrahlen müssten jetzt allerdings auch die Straßen gesperrt
werden. Schon am 27. Dezember werde mit den Aufbauarbeiten rund
um die Siegessäule begonnen.
Am Silvestertag will der Veranstalter Art in Heaven auch auf
den ursprünglich geplanten Weltrekordversuch verzichten. Die
Berliner sollten eigentlich genau um Mitternacht mit
Taschenlampen die Siegessäule erleuchten. Aber Hof war
vorgehalten worden, er würde 250 000 Menschen dadurch zum
symbolischen Hitlergruß formieren. Auch wenn der Künstler Hof
diesen Gedankengang "nicht mitgehen kann", entschloß sich der
Veranstalter, die Idee aufzugeben. Jetzt werden über dem
Tiergarten schwebende Ballons mit den Taschenlampen illuminiert.
Das Spektakel aus Licht, Feuerwerk und Musik "steht der
Statik faschistischer Ästhetik fern", nahm Ulrich Eckhardt als
Senatsbeauftragter zum veränderten Konzept Stellung. Es bestehe
deshalb weder Anlass noch rechtliche Handhabe, die Veranstaltung
zu verhindern oder sie zu verbieten. Durch die veränderte
Konzeption würden nun "falsche Assoziationen bei unaufgeregter
Betrachtungsweise" ausgeschlossen. "Gegen böswillige
Unterstellungen ist kein Veranstalter gefeit, aber die Fakten
geben keine Ursache für Verwechslungen", beendet Eckhardt seine
Ausführungen. Damit ist die Akte "Lichtdom" geschlossen – auch
wenn sich so mancher bei der Pressekonferenz gestern an der
Plakette der deutschtümelnden Rockgruppe Rammstein am Ärmel des
schwarzen Parkas von Gert Hof gestoßen haben mag.
(aus Süddeutsche Zeitung, 1999)
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