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Es wird immer einfacher, Songs zu schreiben

Gleich mit seinem Debüt-Album "Tubular Bells" (1973) gelang Mike Oldfield ein epochales Werk, das den großen Erfolg des Multi-Instrumentalisten einleitete. Im Alleingang hatte er alle Instrumente des Epos eingespielt. Er avancierte mit mehr als 20 Alben zu einem der erfolgreichsten britischen Künstler.

Volksstimme: Der Titel Ihres vorletzten Albums lautete "The Voyager". Verstehen Sie sich selbst auch als einen musikalisch Reisenden, der immer wieder nach neuen Sounds forscht?

Mike Oldfield: Nein, ich suche nicht, die Musik kommt aus mir heraus. Es wird immer einfacher für mich, Songs zu schreiben. Wenn ich morgens ins Studio gehe, weiß ich, daß ich am Ende des Tages ein neues Stück komponiert habe. Dies kann auch nur eine einfache Melodie sein. Als ich mir "Tubular Bells 1" nochmals anhörte, erschien es mir sehr kompilizert. Um jedoch heute mit einem Stück glücklich zu sein, muß es nicht mehr diese Komplexität haben.

Volksstimme: Sie haben damals "The Voyager" als einen Wendepunkt in Ihrem Leben bezeichnet.

Mike Oldfield: Nach der Veröffentlichung kaufte ich mir dann ein Haus auf Ibiza und lebte dort zwei Jahre lang. Wir hatten auch viel Spaß, aber es war letztlich nicht das Richtige für mich. Inzwischen wohne ich wieder in der Nähe von London. Diese Zeit hat mir jedoch zur Erkenntnis verholfen, die Liebe zu dem, was ich mache, wieder zu entdecken. Heute bin ich glücklich damit, meine Emotionen einfach nur in kleinen Melodien ausdrücken zu können. Natürlich kann ich immer noch komplizierte Kompositionen schreiben, aber ich muß dies niemandem mehr beweisen.

Volksstimme: Warum veröffentlichen Sie nach drei "Tubular Bells"-Alben nun auch noch eine CD mit dem Titel "The Millennium Bell". Fällt Ihnen nicht anderes mehr ein?

Mike Oldfield: Wir erreichen das Ende des Jahrhunderts und "The Millennium Bell" sind sozusagen Schnappschüsse aus verschiedenen Zeitepochen der letzten 2000 Jahre. Es startet mit der Geburt von Christus über die Inkas, die Entdeckung Amerikas, die Zeit der Sklaverei, über romantische Orchesterzeiten, die Gangsterperiode in Chicago bis zum Glockenschlag, der das Jahrhundert beendet.

Volksstimme: Sie sind einst auch durch Ihren ganz speziellen Gitarrenstil berühmt geworden. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie mit dem Gitarrespielen begonnen haben?

Mike Oldfield: In meinem Elternhaus hing an der Wand eine Gitarre. Mein Vater spielte manchmal darauf, und eines Tages zeigte er mir drei Griffe. Danach begann ich, mich dafür zu interessieren, ich war damals sechs oder sieben Jahre alt.

Volksstimme: Wurden Sie später von Ihren Eltern unterstützt, nachdem sie bemerkten, daß Sie eine Musikerkarriere einschlagen möchten?

Mike Oldfield: Nein, nicht richtig, allerdings unterstützte mich mein Vater, indem er mir meine erste elektrische Gitarre kaufte. Er hatte immer das Gefühl, es sei keine gute Idee, Musiker zu werden.

Volksstimme: Seine Einstellung hat sich wohl inzwischen geändert, oder?

Mike Oldfield: Ja, letzte Woche. - Nein, nein, vor einigen Jahren hat er wohl eingesehen, daß es scheinbar doch eine gute Idee war.

Volksstimme: In den 70er Jahren haben Sie Soundtracks wie "Killing Fields" realisiert, zudem wurde ein Auszug von "Tubular Bells" für "Der Exorzist" genutzt. Ist in den letzten 20 Jahren kein Regisseur mehr mit einem neuen Filmmusikauftrag auf Sie zugekommen?

Mike Oldfield: Zum Glück waren die Filme, die meine Musik nutzten, wichtige Filme. Sowohl "Der Exorzist" als auch "Killing Fields" wurden mit dem "Oscar" ausgezeichnet. Ich wollte keine dritte Filmmusik zu einem Film schreiben, der nicht die gleiche Qualität hatte. Vielleicht kommt in den nächsten Jahren ein Angebot, das eine ähnliche Qualität verspricht, dann werde ich es auch wieder annehmen.

Volksstimme: Hören Sie sich eigentlich noch Ihren alten CDs an?

Mike Oldfield: Nur wenn ich mich an irgendeinen Sound nicht mehr erinnern kann und dazu eine Information benötige, ansonsten eigentlich nicht. Es ist für mich viel aufregender, mich mit meinen aktuellen Sounds zu beschäftigen oder über zukünftige Projekte nachzudenken.

Volksstimme: Sie sind knapp 30 Jahre im Musikgeschäft. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in den letzten Jahren?

Mike Oldfield: Beschissen! Wenn Du im Moment ein Künstler werden willst, mußt Du gut aussehen, irgendwelche Tanzschritte draufhaben und so weiter. Diese Leute sind von gewieften Geschäftsleuten am Reißbrett erfunden. Und die Kinder glauben heute, dies sei die wahre Musik. Das Beste, was geschehen konnte, war die Geburt des Internet. Ich liebe die Idee, daß Musik weltweit frei und für jeden verfügbar ist. Daraus entwickelt sich bestimmt eine wahrlich interessante Kreativität. Da geht es nicht um Kommerzialität, sondern nur um Musik - der Musik wegen. Ich denke, in einigen Jahren wird es keine Plattenfirmen mehr geben.

Volksstimme: Glauben Sie, daß Sie heute als junger Musiker mit "Tubular Bells" im Gepäck noch einen Plattenvertrag bekommen würden?

Mike Oldfield: Nein, vergessen Sie es, da hätte ich keine Chance!

(aus Volksstimme, 1999)