Die Welt ist Klang
Sound-Designer Mike Oldfield überraschte in der Fürther
Stadthalle
Selbst ist der Mann. Das ist die Devise für Mike Oldfields
Musikkarriere. Der stille Studio-Tüftler, der seine Platten im
Alleingang produziert und dabei oft mehr als zwanzig Instrumente
übereinanderschichtet, ersetzt ein ganzes Orchester. Oldfield
hat als erster das Glockenspiel in die Rockmusik eingeführt und
bereits 1973 mit seinem Debütalbum "Tubular Bells" einen
Welterfolg gelandet, der damals auch der Grundstein für den
Erfolg der Plattenfirma Virgin wurde. Bis heute gilt Oldfield
als erfolgreichster Solo-Künstler Großbritanniens.
Ein Star wollte der Multi-Instrumentalist nie sein, auf
Tournee geht er nur sporadisch, er fühlt sich im Studio mehr zu
Hause als auf der Bühne. In der Fürther Stadthalle meldete sich
der 46jährige Musiker mit einem neuen Sextett zurück - und
hinterließ beim begeisterten Publikum einen verblüffend vitalen
Eindruck. Nahtlos schließen sich im Konzert die Stücke des
neuen, eigentlich langweiligen Albums "Guitars" an die Klassiker
von "Tubular Bells" an. Es scheint, als sei die Zeit stehen
geblieben.
Vielleicht war Mike Oldfield ja damals auch seiner Zeit
(nicht nur aufnahmetechnisch) um Lichtjahre voraus. Die kühnen
Klang-Kathedralen des Sound-Designers wirken zeitlos und
erinnern daran, daß Pink Floyd, Kraftwerk, Alan Parsons Project
oder Enigma die elektronische Musikwerkstatt nicht für sich
gepachtet haben. Solche Überlegungen scheinen Mike Oldfield
indes nicht sonderlich zu beschäftigen, er sitzt lieber auf
seiner rosa Klangwolke und tüftelt selbstvergessen vor sich hin.
Aus den Lautsprechern tröpfelt und wummert, rauscht und
klopft, säuselt und stampft es in Hifi-Qualität, daß es eine
wahre Freude ist. Drei Frauen und drei Männer stehen im
Halbdunkel auf der Bühne, coole Kosmonauten im Wunderland der
Töne. Mike Oldfield wechselt die Gitarren öfter als andere die
Hemden, zaubert einen Sound-Effekt nach dem anderen und läßt die
Saiten jauchzen und jubilieren bei seinem Forschungsprojekt: Wie
viele Klangfarben hat die Gitarre?
Gleich am Anfang erklingt der Hit "Shadow On The Wall", am
Ende "Moonlight Shadow", der eine wurde ursprünglich durch
Roger Chapman, der andere durch Maggie Reilly bekannt. Im
Konzert gibt die farbige Sängerin Pepsi Demacque den Songs
ungewohntes Soul-Feeling. Dazwischen läuft der Soundtrack zu
einem imaginären Film mit Folk-Motiven, Hard-Rock-Elementen,
Chorälen. Am besten mit geschlossenen Augen im Liegestuhl
genießen. Was gelegentliche Temperamentsausbrüche ja nicht
ausschließt.
(aus Nürnberger Nachrichten, 1999) |