Mike Oldfield - Millennium Pop
Der britische Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent
Mike Oldfield, einer der letzten großen Innovatoren der
klassischen Popmusik, stellt zur Jahrtausendwende ein
beeindruckendes Projekt auf die Beine. Der Grammy-Gewinner
("Tubular Bells") wird sein neues Album "The Millennium Bell",
eine musikalische Zeitreise durch die letzten 2000 Jahre, im
Rahmen einer gigantischen Live-Show in der Silvesternacht
1999/2000 in Berlin vorstellen. Das Open-Air-Spektakel rund um
die Siegessäule wird neben einem opulenten Aufgebot von Musikern
und Sängern auch eine beispiellose Lightshow unter dem Titel
"Art In Heaven" zu bieten haben.
Eine halbe Million Zuschauer werden zu der Millennium-Show
erwartet, deren Höhepunkt zur Mitternachtszeit in der
Kombination von Oldfields Musik und dem größten Lichtkunstwerk
aller Zeiten bestehen wird. Der Regisseur Gert Hof inszeniert
eine monumentale Großraumarchitektur in der Tradition von
Bauhaus. Eine Choreographie aus Licht (aus einer drei Millionen
Watt starken Anlage strahlen Lichtsäulen über 70 Kilometer weit
in den Himmel von Berlin), Pyrotechnik, Feuerwerk und Musik.
Neben der künstlerischen Aussage hat "Art In Heaven" eine
menschen- und kulturenverbindende Botschaft. "'Art In Heaven'
steht für das friedliche Miteinander aller Völker, die weltweite
Verflechtung der unterschiedlichen Kunst- und Kulturrichtungen
und für die multikulturelle Völkerverständigung an der Schwelle
zu einem neuen Jahrtausend", erläutern die Veranstalter und
verraten auch den Grund für den Standort des Events. "Berlin ist
Synonym für das Zusammenwachsen von Ost und West, für die
erfolgreich bewältigte Wiedervereinigung, für den Wegfall der
Grenzen und der Begegnung von Menschen, die bis 1989 durch zwei
diametrale Gesellschaftssysteme geprägt waren."
Wir interviewten einen unerwartet lockeren und frisch
verliebten (Freundin Fanny lernte er in Spanien kennen) Mike
Oldfield bei der Ortsbesichtigung in Berlin.
Mike, wer hatte die Idee für die Millennium-Show in Berlin?
Die Initiatoren von "Art In Heaven" traten an mich heran,
weil sie der Meinung sind, ihr Konzept mit mir ideal
verwirklichen zu können. Zudem plante ich ebenfalls, ein
Silvester-Konzert zu organisieren. Ursprünglich hatte ich an
Plätze in Südafrika, Neuseeland und Spanien gedacht, schließlich
wurde ich nach Berlin eingeladen. Und ich denke auch, daß Berlin
ein guter Ort für diese Show ist.
Das Szenario rund um die Siegessäule soll angeblich sehr
imperialistsch wirken.
Für mich hat die Lightshow nichts Imperialistisches an sich -
es ist einfach nur Licht. Ich hoffe, daß ich einige spirituelle
Momente mit meiner Musik einbringen kann.
Wahrscheinlich hat man auch deshalb dich als musikalischen
Part des Events bestimmt, weil du seit jeher als Meister der
Kunst giltst, mit Musik Bilder im Kopf des Hörers zu erzeugen.
Ja, das habe ich schon oft gehört. Ich würde sagen, es kommt
auf das Stück an. Ich habe in meiner Karriere rund 24 Stunden
Musik veröffentlicht. Beim Komponieren habe ich nur gelegentlich
Bilder vor meinem geistigen Auge. Meine Freundin Fanny hat für
das Silvester-Event ein paar Impressionen aus dem Internet
geladen, und das war sehr hilfreich dabei, sich in einige Dinge
hineinzuversetzen.
Ist "The Millennium Bell" eine mehr oder weniger direkte
Fortsetzung deiner "Tubular Bells"-Trilogie?
Nein. Es ist auch das letzte Mal, daß ich das Wort "Bell"
verwende! Übrigens sollte "Tubular Bells" erst gar nicht so
heißen. "Breakfast In Bed" war der ursprüngliche Arbeitstitel,
der aber schnell verworfen wurde. Und da die Glockenklänge ein
markantes Merkmal meiner Musik sind, habe ich den Titel "Tubular
Bells" vorgeschlagen. Was "The Millennium Bell" anbelangt, so
symbolisiert die Glocke Ende und Neubeginn zur Mitternachtszeit.
Ich dachte, sie gehört einfach dazu, wenn das neue Jahrtausend
anfängt.
Wirst du genau um Mitternacht auftreten?
Ja, das Konzert dauert insgesamt 90 Minuten. Die letzten zehn
Minuten werden in das nächste Jahrtausend hineinreichen, ab null
Uhr wird Gert Hofs Lightshow mit meiner Musik inszeniert.
Wird dich eine neue Band bei der Show begleiten?
Nein, es ist dieselbe wie auf meiner letzten Tour, eine
sechsköpfige Rockband. Bei dieser speziellen Show werden noch
fünf weitere Sänger und Sängerinnen sowie die Russische
Staatskapelle St. Petersburg mitsamt Chor dabei sein.
Probst du mit den russischen Musikern?
Unser Musical Director ist mit einem Tape nach St. Petersburg
geflogen und hat dort mit der Staatskapelle die Stücke eingeübt,
während die Band und ich in London geprobt haben. Am 30.
Dezember wird die Generalprobe mit allen beteiligten Musikern
und Sängern in Berlin stattfinden.
Wer hat dich bei den Aufnahmen der "Millennium Bell"
unterstützt?
Die Chöre des London Händel Choir und des Grant Gospel Choir,
darüber hinaus ein paar Solisten am Gesang, das London Session
Orchestra und Simpy Red-Drummer Gota Yashiki.
Du hast schon in der Vergangenheit immer wieder mit namhaften
Vokalisten gearbeitet, unter anderem mit Maggie Reilly...
...die ungefähr drei Jahre fest zu meiner Band gehörte...
...und Roger Chapman, mit dem du den Hit "Shadow On The Wall"
gelandet hast.
Ja, das ist lange her. Roger spielt den Song immer noch live,
aber er bringt grundsätzlich den Text durcheinander.
Ist "The Millennium Bell" ein Konzept-Album?
Ja. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen man mir immer
wieder Konzepte hinter meinen Alben unterschieben wollte, obwohl
in Wirklichkeit gar keine existierten, habe ich diesmal bewußt
einen roten Faden durch das Album gezogen. Es handelt sich um
eine Reise durch die letzten beiden Jahrtausende, wobei
verschiedene, mir als wichtig erscheinende Ereignisse und
Epochen durch Musik repräsentiert werden.
Obwohl deine Alben generell als Gesamtkunstwerk anzusehen
sind, hast du immer wieder großen Erfolg mit
Single-Auskopplungen. Schreibst du bewußt solche Songs, die als
Singles geeignet sind?
Nein, ich mache mit keine Gedanken darüber. Den Plattenfirmen
sind Singles sehr wichtig - die koppeln dann meistens Auszüge
aus längeren Stücken aus. "Sentinel" war zum Beispiel so ein
Fall, und von "The Millennium Bell" haben die sich auch schon
etwas ausgesucht.
"Tubular Bells" wurde seinerzeit als Soundtrack für den Film
"Der Exorzist" benutzt. Freut es dich, daß seitdem alle Welt
deine Musik mit diesem Film verbindet?
Natürlich. Es freut mich immer, wenn Interesse an meiner
Musik gezeigt wird. Übrigens habe ich gerade die neubearbeitete
Fassung von "Exorzist" gesehen - die Horrorszenen haben mich
sehr amüsiert, ich lache mich immer kaputt bei diesem Film!
Dein vorletztes Album hieß "Guitars". Leider haben Gitarren
heutzutage kaum noch Chancen im Radio.
Ich schreibe meine Musik nicht für Radiostationen.
Sind die heutigen Gesetze der Branche nicht manchmal sehr
frustierend?
Nicht wirklich. Ich wollte das "Guitars"-Album auf jeden Fall
machen. Wieviele Alben verkauft wurden, weiß ich nicht genau -
aber die Verkaufszahlen dürften annehmbar sein, auch ohne enorme
Radioeinsätze. Die Leute sollten mein Lieblingsinstrument, die
Gitarre, kennenlernen, darum ging es mir in erster Linie.
Hast du nicht einst als Baßist deine Karriere begonnen?
Nur notgedrungen. Ich war eigentlich Gitarrist, aber der
einzige Job, den ich damals bekommen konnte, war der des
Baßisten. Ich hatte entsetzliche Schwielen an den Fingern, aber
ich brauchte das Geld zum Überleben.
Was für eine Art von Musik hast du damals gespielt oder
spielen müssen?
Wirklich seltsame, unbeschreibliche Sachen.
Du hast mal eine Version von ABBAs "Arrival" aufgenommen.
Wirst du jetzt, da das große ABBA-Revival eingesetzt hat, wieder
auf das Stück angesprochen?
Ja, aber ich muß gestehen, daß ich meine eigene Version nie
so gut fand wie das Original. Ich denke, ich habe in all den
Jahren bessere Sachen als "Arrival" gemacht.
Du hast die ganze Welt bereist und an vielen Plätzen der Erde
gewohnt. Wo lebst du zur Zeit?
In Buckinghamshire nahe London. Ich liebe englische Pubs,
Guinness Bier und habe dort alles, was ich brauche:
Swimmingpool, Tennisplatz, Studio, Büro, einen schönen Garten
und einen Flughafen ganz in der Nähe.
Was bedeutet dir das Jahr 2000?
Ich messe dieser Zahl weniger Bedeutung bei als viele andere
Leute. Mein Leben wird sich im nächsten Jahr nicht grundlegend
von dem in diesem unterscheiden. Aber vielleicht hilft das neue
Jahrtausend einigen Menschen dabei, die Vergangenheit hinter
sich zu lassen und mehr in die Zukunft zu sehen, was ich für
sehr positiv hielte.
(aus Access!, 12/1999)
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