Vom Zeitgeist überholt
Erinnerungen mit Mike Oldfield in der Böblinger Sporthalle
War das jetzt aus dem ersten, zweiten oder dritten Teil von
"Tubular Bells"? Ganz genau konnte es wohl keiner definieren,
was Mike Oldfield zu Beginn seines Konzertes in der Böblinger
Sporthalle dem Publikum präsentierte. Sphärisches
Gitarrengezupfe mit orchestralen Keyboardklängen im Hintergrund
sind einfach typisch für das Gesamtwerk des experimentellen
Pioniers aus längst vergangenen Tagen.
Seine größten Erfolge feierte Oldfield in den siebziger und
achtziger Jahren. Allen voran: "Tubular Bells", das erste Album
der Plattenfirma Virgin. Wochenlang stand sein Debut auf Platz 1
der Album-Charts. Ein Erfolg, dem Oldfield bis heute nachläuft
und deshalb schon zwei neue Versionen nachgeschoben hat. So
verwundert es kaum, daß der Merchandising-Stand auch 26 Jahre
nach der Veröffentlichung dieses Albums nur T-Shirts mit dem Logo
jenes Plattencovers verkauft.
Oldfield nun als Altmusiker auf Gnadenbrot-Tournee zu
bezeichnen, wäre dennoch ungerecht. Mag sein, daß sein neues
Album "Guitars" hart an der Grenze zur Belanglosigkeit
vorbeischrammt, aber auf der Bühne kann der 46jährige seine
jahrelange Erfahrung auch heute noch beeindruckend umsetzen.
Locker und spielerisch sieht es aus, wenn er weitgehend
regungslos seine unterschiedlichen Gitarren bearbeitet. Da sitzt
jeder Griff und selbst die Ausflüge ans Keyboard wirken gekonnt.
Passend zur alten Schule war auch die Light-Show: In bester
80er-Jahre-Manier wandern immer wieder Suchscheinwerfer ins
Publikum.
Dennoch bleibt der Gesamt-Eindruck gemischt. Zu selten sind
die Momente in denen Gassenhauer wie "Shadow On The Wall" durch
die Boxen klingen. Ohne die Begleitung der unzähligen
Gast-Sänger, die Oldfield in den vergangenen Jahren hatte, muß
er sich auch bei der Auswahl der Hits auf Instrumental-Stücke
beschränken. Und genau hier bricht der Künstler mit der
experimentellen Vergangenheit böse ein. Es reicht nicht, wenn
der ehemalige Computerfeind mit zwei Keyboardern und reichlich
Sample-Material auf die Bühne steigt. Im Vergleich zum aktuellen
Standard wirken seine elektronischen Hintergrund-Beats einfach
abgestanden.
Dem Großteil des Publikums ist das allerdings vollkommen
egal. Von den sonstigen Besuchern eines Pop-Konzertes
unterscheiden sie sich deutlich. Bei einem Oldfield-Auftritt
wippen auch noch erstaunlich viele Vierzig- und Fünfzigjährige
in der bestuhlten Halle mit. Deren lauter Applaus gibt dem
Briten recht: Avantgarde war vorgestern. Heute sind Erinnerungen
gefragt.
(aus Böblinger Generalanzeiger, 1999)
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