Besondere Beziehung zu Berlin
Mike Oldfield ist frisch verliebt, veröffentlicht ein neues
Album ("The Millennium Bell") und wird Silvester in Berlin
auftreten
Mike Oldfield ist frisch verliebt und turtelt die ganze Zeit
mit seiner über zwanzig Jahre jüngeren Freundin Fanny. Selbst
während des Interviews läßt er die hübsche Brünette keine
Sekunden aus den Augen. Die beiden scheinen ohne einander nicht
einmal für ein paar Minuten auszukommen. So erlebt man den
Songwriter höchst selten: unbeschwert, fast schon albern. Mike
Oldfield, der mit "Tubular Bells" ein Millionenpublikum
begeisterte, scheint seinen zweiten Frühling zu erleben. Auch
musikalisch meldet sich das Multitalent wieder zurück. Zum
Jahrhundertereignis, dem Einstieg in das neue Millennium, wird
der Brite vor einer erwarteten Zuschauermenge von einer halben
Million in Berlin sein neues Album mit dem Titel "The Millennium
Bell" vorstellen. Rund um die Siegessäule soll in der Nacht von
Silvester auf Neujahr gefeiert werden. Und Fanny wird ganz
bestimmt auch dabei sein...
Sind Sie zum ersten Mal in Berlin?
"Nein, es ist nicht mein erster Besuch hier, aber ich komme
immer wieder gerne, denn es gefällt mir gut."
Ist das auch der Grund, aus dem Sie Berlin für Ihr
Silvesterkonzert ausgesucht haben?
"Nun, es ist wohl eher so, daß Berlin mich ausgesucht hat als
umgekehrt. Ich war sehr froh darüber. Die anderen Möglichkeiten,
die ich hatte, waren zuletzt zum Beispiel in Spanien, aber ich
bevorzuge Berlin."
Haben Sie eine spezielle Beziehung zu dieser Stadt?
"'Tubular Bells' war zwar ein weltweiter Erfolg, aber nach drei,
vier Jahren konzentrierte sich ein großer Teil meines Erfolges
auf Deutschland. Ich habe viele Alben hier verkauft und so bin
ich hierher gekommen und habe viele Konzerte gegeben. Ich habe
es immer genossen, nach Deutschland zu kommen. Die Zuschauer
waren großartig. Und Berlin war immer eine Art spezieller
Standort auf meiner Tour durch Westdeutschland. Es gab ein
spezielles Gefühl, daß einem nur hier vermittelt wurde.
Vielleicht ist das einer der Gründe, aus denen ich das
Millennium hier feiern möchte. So viel ist hier passiert: Gutes
und Böses. Ich betrachte Berlin als eine Art zentrale Kraft für
ganz Europa. Ich glaube auch, daß das Millenniumereignis die
Balance verstärkt, die nach zehn Jahren der Wiedervereinigung in
dieser Stadt schon spürbar ist."
Zum neuen Album "The Millennium Bell": Was dürfen wir von Ihnen
erwarten?
"Also, man beschuldigt mich immer wieder aufs Neue, daß ich
Konzept-Alben mache, aber das habe ich nie gemacht. Alle
vorherigen Platten waren einfach freie kreative Ergüsse. 'The
Millennium Bell' hingegen ist tatsächlich ein Konzeptalbum - mit
dem Thema Geschichte. Verschiedene Orte, verschiedene
Zeitabschnitte, das war mein kreatives Ziel bei dieser Platte.
Da gibt es zum Einen die Zeit der Versklavung. Wußten Sie zum
Beispiel, daß der Song 'Amazing Grace' schon sehr alt ist und
tatsächlich vom Kapitän eines Sklavenschiffes geschrieben wurde,
der später gläubiger Christ wurde und sich für die Rechte der
Sklaven einsetzte? Dann hatte ich dieses Lied und einen
Rap-Sänger, der den Text sprach und ihn nicht wie gewöhnlich
sang. Es ist einfach eine andere Kombination von Musik und
Gesang. Ich mag es, mit so etwas zu experimentieren. Und so wie
bei diesem Stück habe ich ähnlich mit den anderen Stücken
gearbeitet."
Wie haben Sie sich denn die Sänger für ihre Stücke ausgesucht.
Oder singen Sie etwa selbst?
"Nein, ich habe mich bei verschieden Chören umgesehen. Der Vater
einer Bekannten ist Dirigent eines Chors, der London Händel
Singers, und die habe ich dann allesamt in mein Londoner Studio
gequetscht. Dann habe ich noch einen Gospelchor eingeladen und
diverse weitere Sänger."
Zurück zum Silvesterkonzert: Was wird rund um die Siegessäule
passieren?
"Ich werde hauptsächlich mein neues Album präsentieren, aber
auch eine Mischung aus allen vorangegangenen Songsammlungen
performen. Das ganze Konzert wird etwa 90 Minuten dauern, mit
diesen speziellen zehn Minuten nach Mitternacht, in denen meine
Musik gemeinsam mit der 'Art in Heaven'-Lichtextravaganza von
Gert Hof inszeniert wird."
Und wie haben Sie Ihre neue Freundin kennengelernt?
"Ich habe Fanny in Spanien kennengelernt. Wir kennen uns schon
eine geraume Zeit, aber wir leben erst seit einigen Wochen in
England zusammen und sind sehr glücklich dort."
Was erwarten Sie persönlich von der Jahrtausendwende?
"Es ist doch eigentlich nur eine Veränderung der Zahlen. Ich
glaube, psychologisch betrachtet symbolisiert es eine Art
Neubeginn - diese Zahl 2000. Für mich gibt es jedoch keine
größeren Pläne für persönliche Veränderungen. Vielleicht wird
sich eine geringe Veränderung einstellen und zwar die, daß die
Leute mehr an die Zukunft denken als an die Vergangenheit. Es
wäre doch schön, wenn man die Vergangenheit hinter sich lassen
und einfach mehr an die Zukunft glauben könnte.
(aus Bild, 1999)
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