Alles pc im PC
Der britische Exzentriker Mike Oldfield begnügt sich nicht
mehr damit, immer neue Variationen seines Erfolgs-Albums
"Tubular Bells" auf den Markt zu bringen. Mit einem
harmonischen Computerspiel entrückt er sich und seine Fans in
virtuelle Erlebniswelten. Einen Soundtrack namens "Tres
Lunas" gibt es dazu auch, aber das ist nun wirklich
Nebensache.
Im Westen von London, inmitten herrlicher Parklandschaften
und geplant verwilderter Gärten, liegt ein düsteres Haus aus
Backstein mit einer alten roten Telefonzelle davor. Hinter
seinen Mauern gehen seltsame Dinge vor sich. Vor knapp neun
Jahren saß dort ein Musikant, der Gäste in den wenig lichten
Räumen empfing, um dann mit ihnen nicht über sein jüngstes
Album reden zu wollen. Stattdessen bekam man dreidimensionale
Riesenfische am 17-Zoll-Bildschirm zu sehen, die der Hausherr
selbst geschaffen hatte. Das war recht kurios, aber im Jahre
1993 noch wenig hilfreich.
Kürzlich lud Mike Oldfield erneut auf sein Anwesen, das er
zwar nicht gerne teilt, aber noch weniger gerne verläßt.
Inzwischen saß er vor einem Screen, der größer war als die
der teuersten TV-Geräte, und wollte wieder nicht nur über das
neue Album sprechen. Das werde halt "Tres Lunas"
heißen und "so eine Art Chill-out-Platte sein". Damit
hat der Künstler durchaus Recht, und daß nun unter dem Zeichen
der drei Monde das angenehmste Oldfield-Album der letzten
anderthalb Dekaden auf dem Markt ist, liegt hauptsächlich an
dessen Vorgängern: verwirrende Neuauflagen seines
Debüt-Erfolgs "Tubular Bells", den der exzentrische
Brite immer und immer wieder und stets vergeblich zu wiederholen
bemüht war.
Jetzt wechselt Oldfield die Branche und das Genre noch dazu.
Im Grunde nämlich, so vermittelt der 49jährige seinen
Zuhörern, sei das Wichtigste an "Tres Lunas" die
beigelegte CD-ROM, die den Zugangscode zu jener kunterbunten
Welt offeriert, in der Mike sich offenbar komplett verloren hat.
Beseelt und offenbar besessen von der eigenen Phantasie,
schwitzt Oldfield den Joystick naß, läßt Schmetterlinge und
Gitarren oder freundliche Zeppeline sein "in unzähligen
langen Nächten" zurechtgefrickeltes virtuelles Himmelreich
schweben, rasen oder taumeln, durch atemberaubende Schluchten,
über Zauberwälder hinweg oder unter Wasser durch
Korallengärten hindurch.
So ganz allmählich wird dem Betrachter dieser Computerwelten
klar, daß Oldfield, vermutlich ohne es zu ahnen, mit seinem
PC-Game "Music VR" eine Käufergruppe erschließen
könnte, die all den Salesman seiner Plattenfirma bisher als
unerreichbare Masse gegolten hatte. Wer immer Computerspiele
bisher haßte, weil das stupide Ballern auf Aliens oder rasante
Asphalt-Duelle nicht sein Ding waren, könnte sich hier zum
Kuscheln mit dem Genre veranlaßt sehen.
Ihn selbst, sagt Oldfield, hätten virtuelle Rennen auf
langweiligen Rundkursen auch stets angeödet, "aber das
Gefühl von Tempo fand ich schon faszinierend. Und mich als
Schütze auszuprobieren war mir auch bloß deshalb unangenehm,
weil ich als Freund alles Lebendigen einfach keine Waffe auf
irgendwelche Wesen aus Fleisch und Blut richten wollte, ohne
eine Strafe zu riskieren." Deshalb zielt der Spieler in
"Music VR" auch unbehelligt auf Asteroiden, die unsere
zum Teil immer noch schöne Welt zu zertrümmern drohen, erntet
beim Schuß auf den netten Delphin aber dessen höhnisches
Gegacker, weil sich das Projektil beim Treffer in einen Goldreif
auf der kecken Nase des Meeressäugers wandelt. Alles pc am PC.
Oldfield, der Phantast und Träumer, glaubt allerdings
wirklich an die positiven "Vibes", die sein Spiel
unter der Zockergemeinde schleichend verbreiten könnte.
"Music VR läßt sich mit maximal 13 Leuten weltweit im
Internet spielen, das trägt doch endlich einmal dem tieferen
Sinn dieses Netzwerkes Rechnung." Vor allem für Menschen,
die - wie er selbst - die aushäusige Kommunikation zunehmend
als Zumutung empfinden. Wann immer ihm danach ist, ruft er beim
Techniker im Büro nebenan an, auf daß eine heitere
Netzwerk-Jagd durch tolkienschen Ländereien von "Music
VR" beginnen möge. Rechts und links seines Screens türmen
sich dann von Hand gemachte Lautsprecher, die Oldfields jüngste
Symphonie als glanzlackierten Soundtrack in den Raum schicken.
Richtig, denn hier sitzt ja schließlich immer noch ein
Musiker! Dessen Schwester Sally Vokalisen den angenehmen Fluß
arabesker Trance/Ambient-Klänge auf "Tres Lunas"
allerdings nur kurz zu stören vermögen. Aber zur Musik mag
Mister Oldfield auch an diesem Tage wieder nicht viel sagen,
vielleicht deshalb, weil er die nötige Distanz zum eigenen
Ouevre längst verloren hat. Eine weitere Auflage von
"Tubular Bells", ruft er uns noch nach, könne er sich
unschwer vorstellen. Wir hatten das befürchtet und gehofft, er
werde doch womöglich endlich dementieren. Künftig werden wir
versuchen, beim Namen Oldfield an dieses wundervoll verschrobene
Spiel zu denken und nur ganz nebenbei auch an Musik.
(aus Spiegel Online, 2002)
|