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Mike Oldfield leistet 29 Jahre nach "Tubular Bells" wieder Pionierarbeit. Der CD "Tres Lunas" ist ein untypisches Videospiel beigepackt. Absolut gewaltfrei.

"Die Antithese zu Erfurt"

Schon anno 1973 revolutionierte ein damals unbekannter 19jähriger das Musikbiz. Mit dem in Eigenregie finalisierten und finanzierten Instrumentalepos "Tubular Bells" gelang Michael Gordon Oldfield, 49, nicht nur das Missing Link zwischen Pop, Rock und Klassik. 16 Millionen verkaufte Alben setzten auch den Grundstein zu einer ganz anderen Weltkarriere: der von Richard Branson. Der Chef des Plattenneulings Virgin vertraute damals als einziger auf die betörende Macht der "eigenartigen Instrumentalmusik" (O-Ton Oldfield).

Der Rest ist Geschichte. Während Branson zur herausragenden Finanzpersönlichkeit und zum Herrscher eines von der Fluglinie über die Softdrink-Firma bis zum Eisenbahnnetzwerk reichenden Firmenimperiums mutierte, lieferte Oldfield die Hits am laufenden Band: "Moonlight Shadow", "To France", "Shadow On The Wall".

Game-Erfinder: Jetzt, eine musikalische Generation später, leistet "Oldie" Oldfield einmal mehr Pionierarbeit: Packte er schon seinem 1994er Werk "The Songs Of Distant Earth" eine CD-ROM bei, so legt er seinem aktuellen, im trendigen Chill-out-Sound gehaltenen Album "Tres Lunas" gar ein selbst kreiertes Computerspiel bei. "Music VR", so der Titel des optisch opulenten Games, spinnt bereits seit acht Jahren im Hirn des Musik-Masterminds herum: "Die Ursprungsidee war, damit sogar auf Tour zu gehen. Ich wollte bei meinen Konzerten eigene Spielapparate im Foyer errichten. Doch zum Glück ist die Technik mittlerweile so weit fortgeschritten, daß man nicht mehr eiskastengroße Apparate braucht, sondern das alles auf eine CD-große Scheibe pressen kann", erklärt Oldfield beim NEWS-Interview in Valenica. Der Clou des von Real-Time-3D-Grafik bestimmten Games ist der Spiel-Sinn. "Hier geht es nicht darum, schneller, höher oder besser zu sein oder gar irgendwelche Gegner zu vernichten; das ist einfach ein netter Zeitvertreib. Eine sphärische Reise durch Dutzende Computerwelten ohne höhere Aufgaben", charakterisiert der Wahl-Spanier seine neueste Errungenschaft.

Alternative zu Erfurt. In Zeiten, wo brutale Computergames als mögliche Ursache für Amokläufe von Erfurt bis Columbine herhalten müssen, liefert Oldfield die perfekte Anti-These. "Ich glaube zwar nicht, daß Computergames, sondern doch die Menschen selbst hinter derartigen Wahnsinnstaten stecken. Doch die aktuelle Brutalität in der Freizeitszene ist schon mehr als schockierend."

Indirekt ist Oldfield sogar Nutznießer solcher Amokläufe. "Ich habe dieses Game allen relevanten Softwarefirmen angeboten. Doch es hieß immer nur: 'Das ist nicht brutal genug. Da kann man nicht töten. Das ist uninteressant'", sinniert Oldfield. "Doch nach den Massakern von Columbine und Erfurt liefen bei mir plötzlich die Telefone heiß. Alle Firmen, die das Game zuvor als uninteressant abqualifiziert hatten, wollten es nun unbedingt lizenzieren."

Späte Genugtuung für einen frühen Mahner.

(aus NEWS, 2002)