Weshalb alte Erfolge recyceln?
"Tubular Bells" von Mike Oldfield wurde zu einer
Initialzündung für eine ganze Musikrichtung. 16 Millionen mal
hat sich die Platte in den letzten 30 Jahren verkauft. Jetzt hat
der Hyperperfektionist Oldfield mit Hilfe modernster Technik
eine neue Version seines Klassikers aufgenommen.
F: Sie haben Ihr legendäres Debütalbum aus dem
Jahr 1973 Ton für Ton gecovert. Ein Versuch, alte Erfolge zu
recyceln?
Schon in den Siebzigern wollte ich eine
Neuversion machen. Aufgrund einer Klausel in meinem
Plattenvertrag mit Richard Bransons Virgin-Label war es mir aber
verboten, 25 Jahre lang auch nur irgendwas aus meinem
Backkatalog neu aufzunehmen.
F: Warum soll man sich jetzt "Tubular Bells
2003" anschaffen, wenn das Original längst im Plattenschrank
steht?
Wegen der eklatanten Fehler. Wenn ich mir die
alte Platte heute anhöre, kann ich mich nur wundern, wie
schlecht ich damals gespielt habe. Es war ein Schnellschuß: Von
meinem 16. bis zum 19. Lebensjahr arbeitete ich als
Produktionsassistent in den Abbey Road Studios. Schließlich
durfte ich eine Woche lang die frühen Morgenstunden für mein
eigenes Projekt nutzen, wo alle anderen noch schliefen.
F: Welche technische Ausrüstung war damals
vorhanden?
Elektrische Orgeln, Gitarren, Verstärker und die
normalen Orchesterinstrumente wie Flöten, Violinen, Cellos. Die
16-Spur-Technik löste gerade das Vierspursystem ab, Dolby war
neu. Die eigentlichen Aufnahmen haben zwar nur eine Woche
gedauert, aber für den Mix brauchte ich drei Monate.
F: Damals haben Sie alle 30 Instrumente selbst
gespielt.
Weil niemand anders dazu fähig war. Neben Paul
McCartney war ich einer der ersten Musiker, die im
Overdub-Verfahren alles selbst gespielt haben. Ich dachte: Wenn
der es kann, kann ich das auch! Diesmal habe ich noch mehr
benutzt, darunter allein 15 verschiedene Gitarren. Antike Teile
mit einem sehr speziellen Klang. Ich habe eigene Samples
hergestellt und praktisch alle bekannten Techniken benutzt. Das
Resultat kann aus musikalischer Sicht nicht besser sein.
F: Wie spontan ist die Originalmusik entstanden?
Ein Teil war auf jeden Fall improvisiert, aber
ich hatte schon eine grobe Vorstellung in meinem Kopf
gespeichert und zum Teil auch auf Zettelchen gekritzelt. Wobei
ich mein ganz eigenes Zeichensystem entwickelt hatte: Kreise,
Zirkel, Pfeile, Diagramme. Ich wußte: Wenn ich Mist bauen würde,
dann konnte ich meine Karriere als Plattenkünstler für lange
Zeit vergessen. Obwohl ich jung und unerfahren im Umgang mit der
Studiotechnik war, ist es mir gelungen, den alten Hasen etwas
vorzumachen.
F: Glauben Sie, daß Ihre Karriere ohne "Tubular
Bells" völlig anders verlaufen wäre?
Wer will das schon beurteilen? Zweifellos hat
diese komplizierte Instrumentalmusik ihre Spuren hinterlassen.
Da sie aber für andere Musiker nur schwer nachzuspielen ist, hat
"Tubular Bells" zwar keine Revolution ausgelöst, statt dessen
aber einen Gegenschlag provoziert: Punkrock. Wenn man so will,
hätte Punk ohne mich niemals stattgefunden.
F: "Tubular Bells" wurde unter anderem als
Hippiemusik bezeichnet. Hat Ihnen das gefallen?
Die Kritiker von damals schrieben das, weil sie
meine Musik nicht verstanden haben. Das Album war extrem
erfolgreich, für viele ein willkommener Anlaß für einen Verriß.
Zumal ich ein konfuser, paranoider und fast schon schizophrener
junger Mann war, der mit niemandem sprechen wollte. Alles andere
also als eine Galionsfigur. Aber was ist eigentlich gegen die
Hippies einzuwenden, wenn sie Dinge wie Liebe und Frieden
propagieren? Sollten wir lieber stolz auf Gangster-Rapper sein,
die sich gegenseitig erschießen?
F: Jetzt spricht der Schauspieler John Cleese
den Part des "Master Of Ceremony". Wieso gerade er?
Weil er einer meiner Lieblingskomödianten ist.
Außerdem hat John ein sehr gutes Buch zusammen mit seinem
Psychotherapeuten geschrieben. Eine enorme Unterstützung für
meine eigene Therapie. Das Beste aber ist der Humor. Man kann
dieses Buch nicht lesen, ohne sich dabei ständig kaputtzulachen.
(aus Junge Welt, 2003)
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