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Mike Oldfield hat nochmal die "Tubular Bells" eingespielt
Es war eine Gratwanderung. 30 Jahre nach dem Erscheinen der
grandiosen Folk-Rock-Symphonie "Tubular Bells" hat Mike Oldfield
das Werk neu eingespielt. So nah am Original, daß auch
konservative Fans nicht sagen können, er habe es verhunzt. Aber
doch mit genügend Eigenheiten, daß wohl jeder echte Liebhaber
die CD haben will. Neunzehn Jahre alt war Oldfield, als er
"Tubular Bells" 1972 zum ersten Mal aufnahm. Mit einem Demo-Band
überzeugte er Richard Branson, der gerade die Plattenfirma
Virgin gründete und in einem Landgut ein Studio einrichtete.
Oldfield zog ins Herrenhaus und nutzte das Studio, wenn es
gerade frei war, oft mitten in der Nacht. Typisch für den
Multi-Instrumentalisten, nahm er das Album fast im Alleingang
auf. Bis heute hat es sich 16 Millionen Mal verkauft. "Tubular
Bells" ist ein Klassiker geworden. Da werden keine komplizierten
Songstrukturen entwickelt, keine Improvisationen ausgewalzt. Die
tragenden Riffs werden minutenlang wiederholt, mit
traumwandlerischer Eleganz. Beim Finale des ersten Teils
wiederholt ein Instrument nach dem anderen den Melodiebogen,
unterlegt von einer legendären Baßlinie und gekrönt vom Spiel
der Röhrenglocken, der "Tubular Bells". Bei diesem Werk kommt
es auf den ausgefeilt charakteristischen Sound jedes einzelnen
Klangerzeugers an. Oldfield wollte "Tubular Bells" schon lange
neu aufnehmen, Fehler beseitigen und vor allem moderne
Studio-Technik nutzen. Doch eine Klausel im Vertrag mit Virgin
verhinderte eine Neuaufnahme - vor allem bei der Konkurrenz.
Hat sich das Vorhaben nun auch gelohnt? Auch nach mehrmaligem
Vergleich von alter und neuer Version ist man hin und
hergerissen. In der "Introduction" ist der Baß jetzt fetter, im
"Thrash"-Teil sind die E-Gitarren präziser, doch die Synthesizer
sind oft süßlich und fad. Für jedes Plus findet sich auch ein
Minuspunkt. Und gäbe es einen Oldfield-Stammtisch, dann könnten
die selbst ernannten Experten stundenlang über jedes einzelne
Instrument fachsimpeln. Vielleicht ist es auch nur
Hilflosigkeit, daß Oldfield einmal mehr zu den Röhrenglocken
gegriffen hat. Seinem Debüt ließ er mit "Hergest Ridge" und
"Ommadawn" ähnliche Werke folgen, mit weniger Erfolg, in den
80ern feierte er zwar Single-Hits mit Stücken wie "Guilty",
produzierte aber auch viel Mittelmäßiges. 1992 nahm er "Tubular
Bells II" auf, mit den gleichen Rhythmen und dem gleichen
Aufbau, nur anderen Melodien - eine gewagte Idee, ziemlich
langweilig umgesetzt. 1998 folgte das eher poppige "Tubular
Bells III", das nur mit einigen Zitaten ans Original erinnerte.
Um das Tubular-Business perfekt zu machen, gibt es jetzt
parallel zur Neueinspielung alle drei Alben als "The Complete
Tubular Bells" in einer Box. So bringt man einerseits Ladenhüter
unters Volk - und beweist zugleich die Klasse des (renovierten)
Originals. (aus Badische Zeitung, 2003) |