Rock & Pop und Licht & Schatten aus Fruity Loops
Es gibt keine neuen Melodien mehr, sagt Mike Oldfield. In mehr
als fünf Jahrzehnten industrieller Intensivnutzung habe die
Rock- und Popmusik alle Varianten durchgespielt, die die
Zwölftonleiter hergebe. Wenn man heute einen Hit hört, enthält
er Kleinstteile - Bits - von Melodien, die man wieder erkennt,
sagt der 52-jährige Einzelgänger im AP-Interview. Eine radikale
Konsequenz aus dem Befund ist das Doppelalbum "Light + Shade"
(Mercury/UMD): Zwei Stimmungen, man hat eine Wahl - und man wird
nicht überrascht werden.
Natürlich hätte ich ein Album voller Überraschungen machen können,
fügt er schnell hinzu. So hat dieses auch angefangen. Aber das
schien mir nicht in diese Zeit zu passen. Vielleicht kämen die
experimentierfreudigen Zeiten ja wieder zurück.
Überrascht hatte Oldfield vor 32 Jahren mit dem Instrumentalwerk
"Tubular Bells". Er schichtete damals im Alleingang 20
Instrumente über das einfache und prägnante Motiv, das später
auch im Horrorfilm "Der Exorzist" verwendet wurde. Für die
folgenden Werke wie "Hergest Ridge" und "Ommadawn" zog er ins
große Studio mit großer (Analog-)Technik: Die Kritiker sprachen
von bombastischen Klangwolken, und in gewisser Weise gibt
Oldfield ihnen heute recht: Eines Abends habe ich mir eines
meiner frühen Alben, "Ommadawn", angehört, weil es komplett
'handgespielt' war. Um ehrlich zu sein: Ich fand es primitiv und
kindisch.
Was er damals studio- und klangtechnisch gemacht habe, sei mit
dem ersten Fahrrad zu vergleichen, erklärt der Motorradfan. Das
hatte vorne ein großes und hinten ein kleines Rad. Heute gibt es
moderne Renn- und Mountainbikes. Es war altmodisch, es war
amüsant, es war in seiner Zeit gut. Ich habe meine alten Alben
jungen Leuten vorgespielt, die haben sie nicht verstanden. Denn
die alte Musik versucht nicht cool und sexy zu sein. Heute muß
Musik cool sein.
Der Kontrast vom handgespielten Ommadawn zu "Light + Shade"
könnte größer nicht sein: Auf seinem neuesten Werk sind an
echten Instrumenten nur noch Gitarre und Klavier zu hören. Alles
andere kommt aus dem Computer: FL Studio Software (Fruity Loops)
heißt das Programm, mit dem Oldfield seine Arrangements baut.
Ich dachte, es sei an der Zeit, den wirklich modernen Weg zu
gehen: Mach einfach alles mit Software.
Oft gebe das Computer sound module die entscheidende Idee für
einen Track: Das sind seltsame Maschinen, die nicht einfach
einen bestimmten Klang produzieren, sondern die Atmosphäre von
Klängen entwickeln. Sie können mir eine Idee für einen
Software-Effekt in Baß, Gitarre oder Synthesizer geben. Das kann
unerwartete Ergebnisse bringen. Da ist dieser Track
"Resolution"; der hatte einen sehr einfachen Baß. Ich habe
dieses merkwürdige Filter-Plug-in hineingegeben und der Baß fing
an umherzugehen - ein sehr abgedrehter Sound, aber ich mag das.
Es gibt so viele Möglichkeiten!
Die Schwierigkeit besteht darin, einen Track auch mal definitiv
zu beenden - sonst mischt man sich ins Unendliche. Vier Lieder
hat er im Rahmen seines U-Myx -Projektes ("du mischst")
Musikfans zum Abmischen freigegeben. Überhaupt sieht Oldfield
die Zukunft der Musik in Interaktion: Neue Melodien gibt es
nicht, wenn wir unsere Ohren nicht dazu ausbilden, zwischen
diesen zwölf Tönen zu hören. Rap macht das in gewisser Weise,
weil in die Tonleiter hineingesprochen wird. Und das ist dann
interaktiv.
Um das auszutesten, arbeitete Oldfield mehrere Jahre am Virtual
Reality-Projekt "Music VR". Daraus gingen zum Beispiel das
Computerspiel und Album "Tres Lunas" sowie "Maestro" hervor.
Aber auch die Konsumenten selbst würden zunehmend interaktiv,
indem sie sich nur noch die Lieder aus dem Internet
herunterladen, die sie unbedingt haben wollen und dann ihre
eigenen Zusammenstellungen machen.
Vielleicht langweilt sie das in ein paar Jahren. Deshalb muß man
neue Wege finden, Musik zu machen und sich an Musik zu erfreuen.
Wenn es nicht virtuelle Musik-Wirklichkeit ist, wird es etwas
anderes sein. Ich weiß nicht was; ich freue mich auf die
nächsten 20 Jahre um zu sehen, was schließlich aus dem allem
hervorgeht.
Wie sehr Technik alte Musik verändert, demonstriert Oldfield an
der klassischen Gitarrenballade "Romance". Das Stück besteht aus
Dur- und Moll-Teilen, um die beiden Seiten der Liebe zu zeigen:
Die gute und schlechte, die schmerzvolle und die glückliche
Seite. Wenn man das in Techno-Musik in Dur macht, klingt das
dumm, es geht nicht. Das klingt wie eine verrückte, wahnsinnige,
glückliche, seltsame Person. Ich habe auch eine Version des
Halleluja-Chors aus Händels Messias gemacht, aber noch nicht
veröffentlicht. Das ist auch in Dur und in Techno - ich habe
sogar Roboterstimmen benutzt. Das ist für die meisten Leute
zuviel.
(ap-Artikel, 2005)
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