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Keine Panik

Mit 20 katapultierte er sich ins Bewußstein der Öffentlichkeit. Das Monumentalwerk "Tubular Bells" ist nach wie vor ein unerreichter Geniestreich im Oeuvre Mike Oldfields. Nach mehreren Tophits und einigen unerklärlich schwachen Alben legt der scheue Engländer nun eine sehr persönliche Einspielung vor.

Mike Oldfield ist mit einem neuen Album ins Rampenlicht zurückgekehrt - der 52jährige hat mit dem Doppelalbum "Light + Shade" jedoch Dutzendware abgeliefert, ganz so, wie man es seit einigen Jahren von ihm gewohnt ist. Der Mann, der seit den 70ern neben Brian Eno den Spielarten Ambient und Chill-Out mit Alben wie "Tubular Bells", "Ommadawn" oder "Incantations" ihr ureigenes Gepräge verpaßte, beschäftigt sich seit geraumer Zeit damit - tragischerweise uninspirierter und, ja, langweiliger als zu Beginn seiner Karriere -, diese seine Pionierarbeit neu zu intonieren. Zudem versucht der introvertierte Soundtüftler aus dem englischen Reading, seinen mittlerweile anachronistisch klingenden Sound mit modernen Versatzstücken wie Balearic Beats, Technorhythmen oder Goa-Grooves aufzupeppen - ein unwürdiges Anbiedern an die Neuzeit, das verkrampft und aufgesetzt wirkt.

Die zwei Seiten von "Light + Shade" spiegeln die ausgelassene, ungezwungene sowie die düstere, depressive Seite Mike Oldfields wider. Die "Shade"-Seite erinnert noch - zumindest in Ansätzen - an die wuchtigen orchestralen Soundmanöver, mit denen Mikes steile Karriere 1973 begann. Schade nur, daß diese eskapistischen Ausflüge in ferne Sehnsuchtswelten meist nicht von großer Dauer sind und der Hörer durch einen drögen Beat rasch wieder in die schnöde Wirklichkeit zurückgeholt wird. Doch wie gesagt, gelegentlich schimmert das Genie des "ewigen Wunderkinds" auch auf "Light + Shade" noch durch. Daß der Mann darüber hinaus nach wie vor auch der "ewige Eigenbrötler" geblieben ist, beweist das Interview, das er eclipsed gegeben hat.

eclipsed: Mike, Deine neueste Veröffentlichung ist ein Doppelalbum, das sich in die federleichte, optimistische "Light"- und in die eher schwermütige, melancholische "Shade"-Seite unterteilt. Warum diese Trennung?

Mike Oldfield: (lacht) Nun, diese beiden Alben verkörpern die zwei völlig konträren Gehirnhälften, die in meinem Kopf ganz offensichtlich nebeneinander existieren. Tatsächlich bin ich ein emotional extremer Mensch. Ich kann an einem Tag fröhlich und ausgelassen sein, am nächsten resigniert und depressiv. Das habe ich nicht unter Kontrolle. Diesem wesentlichen Zug meines Naturells wollte ich auf "Light + Shade" Ausdruck verleihen.

eclipsed: Was sind Deiner Ansicht nach die Gründe für diese extremen Stimmungsschwankungen?

Oldfield: Das hat mich der behandelnde Arzt während meiner 20jährigen Psychotherapie auch immer gefragt. Ich bin letztendlich zu der Erkenntnis gekommen, daß ich den Teil des Familienkarmas verkörpere, der für den Irrsinn steht. Mein Vater war ja die Bodenständigkeit in Person. Dem muß ich mit meiner schrägen Art zu leben etwas entgegensetzen - ob ich will oder nicht.

eclipsed: Du hast lange Zeit unter Panikattacken und Paranoia gelitten. Wie gehst Du damit um?

Oldfield: Ich leide immer noch darunter, auch wenn die Schübe bei weitem nicht mehr so häufig auftreten wie früher. Am besten kompensiere ich diese Tatsache durch jede Menge Sport. Und mit einem möglichst ausgeglichenen Privatleben. Ich bin Gott sei Dank in einem Alter und an einem Punkt, an dem ich eine glückliche Beziehung führe, die es mir ermöglicht, mich voll und ganz meiner Arbeit zu widmen.

eclipsed: Und trotzdem bist Du nach Deinem mehrjährigen Exil auf der Sonneninsel Ibiza wieder ins vergleichsweise düstere England übergesiedelt. Wie darf man diese Entscheidung verstehen?

Oldfield: Ibiza ist ein ausgezeichneter Platz, um einen wilden Urlaub zu verbringen, keine Frage. Allerdings hat mein Urlaub dort rund drei Jahre gedauert. Das ist für einen Mann meines Alters dann doch sehr Kräfte zehrend. All das verrückte Nachtleben, all die bunten Pillen... Ich bin jedenfalls froh, zurück zu sein. Im vertrauten, verregneten England. Dort kann ich mich jetzt endlich wieder ernsthaft um meine Arbeit kümmern.

eclipsed: "Light + Shade" ist Dein erstes Album nach einer dreijährigen Phase, in der Du Dich ausschließlich um die Virtual Reality-Spiele "Tres Lunas" und "Maestro" gekümmert hast. Worin liegt für Dich der Reiz, solche Spiele zu entwicklen?

Oldfield: Ich glaube, interaktives Entertainment ist die Zukunft der Popkultur. Zumindest wenn es intelligent gemacht ist. Dann wirst du davon als Benutzer mit allen Sinnen gefordert. Außerdem ist das Unterhaltung für Eigenbrötler wie mich, die ihre Nächte bevorzugt zu Hause am Computer verbringen. Also, mir gefällt dieses Medium.

eclipsed: Apropos Computer: Du verwendest bei Deinen neuen Liedern mehr und mehr modernste Computertechnologie, spielst immer seltener akustische Instrumente. Wie kommt´s?

Oldfield: Ich höre seit einigen Jahren gerne und oft Techno, Ambient, Balearic Beats und Intelligent Dance, also rein synthetische Klänge. Mir gefällt dieses Zeug auch unter dem Aspekt, daß es auf der Höhe der Zeit ist. Es wird nun mal in der Zukunft nie mehr ein Leben ohne Computertechnologie geben, also sollte man das Beste aus dieser Tatsache machen und diese Technologie für sich nutzen. Ich finde den klassischen Rock´n´Roll-Gedanken von einer Band-Kultur, in der man mit veraltetem Instrumentarium veraltete Lieder komponiert, ziemlich öde. So etwas interessiert mich nicht mehr.

eclipsed: Auffällig an Deiner jüngsten Arbeit ist auch, daß Du mehr und mehr selbst zum Mikrofon greifst. Hängt das mit Deinem gestärkten Selbstbewußtsein zusammen?

Oldfield: Absolut! Anfangs hat mich das Singen große Überwindung gekostet, ich bin ja ein ziemlich scheuer Zeitgenosse. Doch seit dem Frühjahr nehme ich sogar Gesangsunterricht. Inzwischen kann ich meine Stimme recht gut leiden. Und wenn ich mal eine Gesangsspur nicht so hinbekomme, wie ich mir das vorstelle, verändere ich die eben mit Hilfe der Technik. (lacht) Die tut, was ich will, und ist nicht so launisch wie manch ein Gastsänger.

eclipsed: Nachdem Du künstlerisch und kommerziell alles erreicht hast, was ein Musiker erreichen kann: Hat ein Mike Oldfield noch Erwartungen an die Zukunft?

Oldfield: Um ehrlich zu sein, ich fühle mich wie Zen-Buddhist, ich erwarte nichts mehr und bin ziemlich entspannt im Hier und Jetzt, wenn man die eine oder andere Panikattacke mal ignoriert. Ich werde weiterhin Platten aufnehmen und vielleicht noch das eine oder andere virtuelle Spiel konzipieren. Aber ich muß mir nichts damit beweisen, ich mache das, weil es mir Spaß bringt. Und ansonsten schaue ich ganz gelassen, was Tag für Tag passiert.

eclipsed: Was ist dran an dem Gerücht, daß Du - eventuell noch in diesem Jahr - auf Tour gehen willst?

Oldfield: Da ist schon was dran. Doch es gibt ein großes Problem: Zwar stehe ich liebend gerne auf der Bühne und spiele live. Doch der Organisationsaufwand, bis ich dort stehe, ist immens. Da ich Kontrollfreak und Perfektionist bin, kann ich so gut wie nichts aus der Hand geben, will möglichst alle Fäden in der Hand behalten. Tja, es ist schlimm mit einem Zwangscharakter wie mir. Ich wundere mich immer wieder, daß die Menschen noch Interesse an meiner Arbeit haben. Doch wer weiß, vielleicht bin ich ja die perfekte Verkörperung des momentanen Zustands der Welt?

(aus eclipsed, 2005)