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Zwei Seiten einer Medaille

Mike Oldfield und sein Album "Light + Shade": Musik als Spiegel der Seele.

Richard Branson, der illustre britische Geschäfsmann, der sein Geld je nach Eingebung mal mit Schallplatten, mal mit Budget-Airlines verdiente, müßte ihm eigentlich bis ans Ende seiner Tage dankbar sein: Mike Oldfield war es, der Bransons Plattenlabel Virgin Records Anfang der siebziger Jahre vom Stand weg in eine Gelddruckerei verwandelte.

"Tubular Bells" hieß das legendäre Werk, das Bransons Kasse füllte und einem schüchternen britsichen Gitarristen zu Weltruhm verhalf - bis heute ging das Album in 16 Millionen Exemplaren über die Ladentische. Bransons und Oldfields Wege trennten sich später, doch während es um ersteren in der letzten Zeit deutlich ruhiger wurde, ist letzterer derzeit wieder präsent.

Dabei bringt der außerordentlich talentierte Komponist, Gitarrist und Arrangeur allerlei Eigenschaften mit, die ihn zu allem Möglichen qualifizieren - nur eben nicht gerade zum Popstar. Oldfield gilt als schüchtern, als einzelgängerischer Klangtüftler, der lieber im Studio mit neuen Klängen experimentiert, als sich dem Blitzlichtgewitter aufdringlicher Fotografen und der Fragewut neugieriger Journalisten zu stellen. Verfolgt man die Berichterstattung der vergangenen Jahrzehnte, so wurde sicherlich vieles maßlos übertrieben - Oldfield ist gewiß nicht der komische Kauz und britische Exzentriker mit leicht pathologischen Zügen, als der er bisweilen dargestellt wurde. Doch eines ist bis heute unzweifelhaft: Oldfield ist anders als andere Rockmusiker. Nur muß das prinzipiell ja nicht von Nachteil sein.

Vielleicht ist es die schlichte Tatsache, daß er sich vornehmlich als Musikschaffender versteht, weniger als Person des öffentlichen Interesses oder gar als prominentes Show-Biz-Zirkuspferd. Ein wenig kurios mutet es allerdings schon an, wenn er sich selbst eher als Handwerker denn Künstler sieht: "Als Musiker bezeichne ich mich ungern. Ich bin eher ein Techniker, der seine Ideen in Töne umformt." Möglicherweise liegt Oldfields Andersartigkeit aber auch in der Tatsache begründet, daß er in erster Linie seiner inneren Triebfeder gehorcht - vielleicht etwas mehr als andere Musiker. Oder muszierende Techniker. Oldfields Klangkunst jedenfalls ist nicht kalkuliert, sondern immer Ausdruck eines reichlich komplexen und bewegten Seelenlebens. So auch das neue Werk mit dem beziehungsreichen Titel "Light + Shade": Ein Doppelalbum, dessen erste Hälfte locker, entspannt und heiter daherkommt, während die zweite Hälfte deutlich dunkler und melancholischer ausfällt. "Das sind eben die beiden Seiten musikalischen Persönlichkeit", wie Mike Oldfield lakonisch einräumt.

Zu seinem ureigenen Stil gehört es traditionell, elegant zwischen komplexen und beinahe minimalistischen Strukturen hin und her zu wechseln, was nicht nur für bisweilen dramatische Spannungsbögen sorgt, sondern auch zur Dynamik der Oldfield´schen Musik beiträgt. Im Extremfall changiert er zwischen impressionistischer Zartheit und expressionistischer Klarheit bis hin zur Drastik.

Interessant auch seine Arbeitsweise: "Ich fühle mich wie ein Filter, die Inspiration kommt von tief innen. Ich muß jedesmal verdammt hart arbeiten, damit sie auch rauskommt, aber inzwischen habe ich genügend Erfahrung. Wenn ich Musik mache, dann wird das meistens nichts. Wenn mich aber die Inspiration erst einmal infiziert hat, dann läuft alles wie von selbst.

(aus Tonart, 2005)