Nokia Night in Hamburg
Wiedersehen mit den Stars von gestern
Die "Nokia Night Of The Proms" bietet fast vergessenen
Künstlern die Chance, sich den Massen zu präsentieren. Und den
Massen die Chance, fast vergessene Künstler wiederzuentdecken.
Eine runde Sache. Auch in diesem Jahr. Freudig erklimmt in der
an zwei Tagen restlos ausverkauften Color-Line-Arena das
72-köpfige Orchester Il Novecento unter Dirigent Robert Groslot
die Bühne, die Mitglieder des Chor Fine Fleur wippen im Takt und
schwenken Taschenlampen. Das musikalisch und visuell perfekt
durchchoreografierte Klassik-meets-Pop-Happening kann beginnen.
Man will unterhalten, ohne die Großhirnrinde allzusehr zu
strapazieren. Und das gelingt.
Von Bizet zu OMD
Bizets "Carmen" landet direkt neben "Sailing On The Seven
Seas" von den Elektropoppern OMD. Die haben ein paar Falten
mehr, bringen es aber fertig, rund 20 Jahre nach ihren Erfolgen
noch genauso zu klingen wie damals. Und reißen die Massen von
den Sitzen. Für den klassischen Gesangpart ist der britische
Tenor Tony Henry zuständig. Der kombiniert das breiteste Grinsen
seit Stevie Wonder mit einer leidlich akzeptablen Stimme und
viel Selbstbewußtsein. Mühelos legt er den Spagat von "Figaros
Hochzeit" zu Ennio Morricones "Nella Fantasia" hin.
Auch der maskenhaft erstarrte Ike Turner steht nach 20 Jahren
Bühnenabstinenz wieder auf. 75 Jahre sei er alt und soeben zum
14. Mal in den Stand der Ehe getreten, verrät Ansager Uwe Bahn
launig. Als neue Tina Turner hat er sich die tief dekolletierte
Lyrica an Land gezogen, die nach einem Mozart-Intro mühelos den
Einstig in die "Nutbush City Limits" findet. Irgendwo zwischen
anspruchsvolleren Programmpunkten wie Strawinskys "Feuervogel"
und Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" - vom Orchester unter
Beihilfe eines Hardrockgitarristen entstellt - kommt der Star
des Abends.
In den 80er-Jahren zählte Mike Oldfield zu den herausragenden
Komponisten der britischen Insel. Hier präsentiert er erst zu
dekorativen Sonnenuntergängen seine esoterisch verbrämten
"Tubular Bells". Später darf die südafrikanische
"Adiemus"-Sängerin Miriam Stockley seine Megahits "Moonlight
Shadow" und "Get To France" anstimmen. Höhepunkt sein Duett mit
John Miles, der mit "Music Was My First Love" frühzeitig sein
Pulver verschossen hat: "Shadow On The Wall". Dazwischen wird
zwischen den Reihen Straußwalzer getanzt, geklatscht und aus
voller Kehle gegrölt. Die diesjährige "Nokia Night Of The Proms"
hat mal wieder alle glücklich gemacht.
(aus Hamburger Abendblatt, 2006)
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