Die Nacht der Rituale
Mike Oldfield und andere bei der "Nokia Night Of The Proms"
gestern in der ausverkauften TUI-Arena Hannover
Den besten Witz macht Uwe Bahn Mitte der ersten Halbzeit.
"Diese Melodie", kündigt er Bizets "Carmen"-Prelude an, "ist oft
nach Toren in Fußballstadien zu hören. Wir waren gestern in
Hamburg. Da kannte das keiner." 1:0 für Bahn, und schon ist in
Hannover beste Laune, was diesmal nur zum Teil am Fußball liegt.
10 000 Freunde der Nacht hat Bahn vor sich, die TUI Arena ist
ausverkauft.
Der NDR-Mann, Hamburger übrigens, moderiert nicht nur
Sportsendungen, er führt auch seit Jahren durch die
norddeutschen Stationen der "Nokia Night Of The Proms". Bahn
gehört dazu. Wie so vieles. Und damit wäre auch schon das
schlichte Erfolgsgeheimnis dieser Veranstaltungsreihe erklärt.
Denn die "Nokia Night Of The Proms" ist, was nicht viele ihr
zugetraut hatten, zu einer Institution geworden. Sie gehört in
die Vorweihnachtszeit wie Godewind und die Dubliners, das
Oratorium und der Adventssonntag. Seit 1995 treten Pop- und
Rockstars nach- und miteinander auf, begleitet vom belgischen
Orchester Il Novecento unter der Leitung von Robert Groslot
sowie dem Chor Fine Fleur.
Die sorgen auch diesmal für den klassischen Teil des Abends,
wobei Rossinis "Diebische Elster" schon mal zur Diskoversion
werden kann. Aber sie machen nicht nur Musik, sie machen auch
Faxen, und weil Orchester und Chöre sonst keine Faxen machen,
ist das besonders und somit ein Markenzeichen. Man darf halt
gern laut lachen, wenn der Tenor John Henry sein
"Figarofigarofigaro"-Stakkato in den Saal rattert und dabei den
Moderator einseift. Und man darf anschließend nicht nur
mitklatschen, man soll es sogar, weil Henry das so will.
Ein anderes Nacht-Symbol ist John Miles, der Chef der "Electric
Band", der irgendwann vor der Pause wie immer seinen einzigen
Hit singt: "Music". Auch das ist wie immer. Aber wenn nach elf
Jahren "Nokia Night of the Proms" eins dieser Elemente fehlen
würde, die Fans würden sich beschweren. Denn sie wollen nicht
nur Musik, sie wollen auch ihre Rituale. Da sind Fans der
"notp", wie die Veranstaltung unter Kennern heißt, eigen.
Denn dieses Gerüst steht, ist es eigentlich fast egal, welche
popmusikalischen Gäste dieses Stammprogramm umrahmen. Dann ist
es auch egal, daß manche als abgehalftert gelten und der
Auftritt bei der "Proms"-Tournee ein sicheres Zeichen dafür ist,
daß sie ihre besten Jahre hinter sich haben. Das gilt diesmal
für Ike Turner. Sein Job: Legende sein. Er ist 75 und wirkt auch
keinen Tag jünger, sie haben ihm einen gelben Glitzeranzug
angezogen, ihm eine Gitarre umgehängt, und so wird er auf der
Bühne ausgestellt. Die Gitarre hört man nicht, das knarzige
Singen ist nicht schön. Immerhin scharwenzelt eine schwarze
Schönheit um ihn herum, die den Tina-Turner-Part übernimmt und
mit wuchtiger Soulröhre "Proud Mary" rettet. Am anschließenden
"River Deep, Mountain High“ hat auch das Orchester Spaß und
zaubert eine wunderbare Siebziger-Motown-Stimmung in den Saal.
Auch gut: Ike Turner fällt nicht von der Bühne.
Ein weiterer Gast hat seine Gitarre mitgebracht, eine, die man
hört – und eine, die man erkennt. Das berühmte Anfangsthema der
"Tubular Bells" kann ja schon einen Gänsehautschauer auslösen,
und als Mike Oldfield dann diesen knochentrockenen, fast
dudelsackartigen Gitarrenton durch die Halle jaulen lässt, merkt
man, daß da vorn schon ein popmusikalisches Schwergewicht steht.
Unmöglich, daß in der heutigen Klingeltongeneration ein
Instrumentalist Riesenhallen mit Popfans füllt. Früher war das
so. Und ein Auszug aus "Ommadawn" zeigt, welch schwere Kost
Oldfield damals gereicht hat. Auch hier läßt sich das Orchester
gern fordern, nicht nur deshalb paßt Oldfield bestens hierher.
Vor der Pause bekommt das Publikum mehr zu hören als zu singen
und zu tanzen.
Doch dann kommt Chico. Ein früherer Gypsy King. Er hat – wen
wundert´s – neue Menschen mit Gitarre vor dem Bauch gefunden,
die "Bamboleo" singen können. Das tun sie dann auch. Wie 10 000
andere im Raum. Ein Signal. Denn nach der Pause wird gefeiert.
Mit OMD, einem Synthiepopduo aus den Achtzigern. Mit allen
anderen noch einmal und mit Mike Oldfield, der ja auch "Shadow
On the Wall" und ein paar andere Dreiminüter geschrieben hat.
Bis irgendwann die Tanzwütigen zu Johann-Strauß-Melodien durch
die Gänge walzern, am Schluß alle "Land Of Hope And Glory"
singen und zufrieden nach Hause gehen. Auch all das: wie immer.
(aus HAZ, 2006)
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