Mike Oldfield
"Jeder kann heute erfolgreich und gleichzeitig völlig
talentfrei sein."
Nach sechs Jahren Bühnenabstinenz meldet sich Mike Oldfield
als einer der Headliner bei der "Nokia Night of the Proms 2006"
live zurück. Im Gepäck seine aktuelle Doppel-CD "Light + Shade".
Zwischen zwei Terminen fand der 53jährige Brite Zeit für ein
kurzes Gespräch mit Musician´s Life und plauderte über seine
Beziehung zu Deutschland, Pläne fürs nächste Album und gab Tipps
für Nachwuchsmusiker.
Was hat Sie an der Nokia Night Performance gereizt, nachdem Sie
so lange nicht mehr live aufgetreten sind?
"Ich habe Silvester 1999 das letzte Mal live in Berlin auf der
Bühne gestanden. Der Manager der Nokia Night ist ein alter
Freund aus den Tagen, als ich noch bei Virgin unter Vertrag
stand. Er schickte mit ein paar DVDs zu mit vorangegangen Shows.
Ich war beeindruckt. Das war für mich ein guter Anlaß nach all
den Jahren, in denen ich nicht mehr live aufgetreten bin,
zuzusagen."
Stört es Sie nach der bombastischen Millennium-Show in Berlin
nicht, daß Sie sich nun die Bühne mit anderen Künstlern teilen
müssen?
"Nein, denn es ist viel leichter, als allein einen ganzen Abend
bestreiten zu müssen."
Sie haben auf Ihrer letzten Doppel-CD "Light + Shade" erstmals
mit einem virtuellen Mischpult gearbeitet. Wie unterscheidet
sich diese Form der Komposition von der Arbeit zuvor?
"Zunächst einmal hatte ich nicht mehr das ganze Studio voller
Equipment stehen. Es erleichtert die Arbeit einfach. Ich habe
das Ganze als Experiment gesehen, um auszutesten, was mit
Computersoftware möglich ist. Dabei habe ich festgestellt, daß
ich noch nicht einmal einen Bruchteil dessen herausgefunden
habe, was man mit den Programmen alles anstellen kann. Für mein
neues Projekt gehe ich allerdings wieder in eine andere
Richtung, denn ich werde mit einem Orchester arbeiten. Ich
versuche immer die verschiedenen Möglichkeiten auszuloten, um
nicht an einer Sache hängen zu bleiben."
Wie kam es zur Kooperation mit Christopher von Deylen von
Schiller, der auf Ihrem Album mitgewirkt hat?
"Kooperation ist das richtige Wort, weil wir nicht wirklich
zusammengearbeitet haben. Soll heißen, wir saßen nicht gemeinsam
im Studio. Ich mag seine Sachen. Er ist ein guter Musiker, der
auch live etwas rüber bringt. In der Art, wie wir mit dem
Computer umgehen, sind wir uns ähnlich, deshalb war es sehr
angenehm mit ihm zu arbeiten. Und das funktionierte weitgehend
via E-mail. Ich habe ihm beispielsweise ein Gitarren-Solo
geschickt. Dabei habe ich ihm nicht das ganze Stück zukommen
lassen, sondern vielmehr acht bis zehn verschiedene Takes. Die
fand ich selbst nicht so überragend. Aber ich habe darauf
vertraut, daß er was draus machen kann. Was dann auch so war.
Darin liegt wohl die Zukunft der Musik. Heutzutage muss man
nicht mehr zwangsläufig im gleichen Studio sitzen, um Songs zu
schreiben. Du kannst einen Kollegen in einem anderen Land haben
und trotzdem tolle Sachen machen, allein über das Internet."
Kürzlich sprach ich mit Ihrer Schwester, die seit einigen Jahren
in der Nähe von Köln lebt. Wie ist Ihre Beziehung zu
Deutschland?
"Sehr intensiv. Ich habe dort viel gearbeitet, bin auf
ausgedehnte Tourneen gegangen und habe in verschiedenen Studios
aufgenommen. Vor allem in den 80ern war ich oft in Deutschland.
Bezogen auf meine Arbeit und die Verkäufe meiner Platten kann
ich sagen, daß es wohl das wichtigste Land für mich ist und zwar
über einen langen Zeitraum hinweg."
Sie erwähnen in Interviews häufiger, daß Sie ein sehr
spiritueller Mensch sind. Welche Rolle spielt Spiritualität in
Ihrem Leben und inwieweit beeinflußt sie Ihre Musik?
"Hm – das ist ein sehr großes und wichtiges Thema für mich. Es
fällt mir schwer, die Bedeutung in einem Satz zu erklären.
Tatsächlich habe ich gerade ein Buch dazu geschrieben, das im
Mai 2007 herauskommen wird. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja,
Spiritualität ist mir sehr wichtig. Ich würde sogar soweit gehen
zu sagen, daß ich mich mehr als spiritueller Kommunikator
verstehe, denn als Musiker. Ich versuche das Publikum damit zu
unterhalten, daß ich etwas von dieser spirituellen Dimension in
ihre Welt transportiere durch meine Musik. Nein, ich versuche es
nicht, ich fühle einfach, daß ich es tun muß. Allerdings ist
meine Musik dabei nicht immer friedvoll und leise. Im Gegenteil,
hin und wieder mag ich es schon sehr laut und lärmig (lacht)."
Folgen Sie dabei einer bestimmten Philosophie oder religiösen
Ausrichtung?
"Nein, ich folge keiner bestimmten Religion. Ich bin also kein
Buddhist oder so. Ich sauge alles auf und suche mir das heraus,
was sich richtig anfühlt. So meditiere ich beispielsweise schon
seit vielen Jahren. Wenn ich Zeit dazu habe, mache Yoga und Tai
Chi. Außerdem faszinieren mich Kirchen und Kathedralen. Nicht
als Musiker, weil der Klang dort so unglaublich ist, sondern
durch die Atmosphäre, die an solchen Orten herrscht."
Wenn Sie ein Projekt wie "Light + Shade" fertig gestellt haben,
fallen Sie dann in ein Loch oder haben Sie bereits Ideen für
eine neue Platte?
"Ich brauche immer sehr lange, um mir Gedanken darüber zu
machen, was ich als nächstes tun möchte. Um die richtige
Motivation zu bekommen, überhaupt mit einem neuen Projekt zu
beginnen, kann schon einige Zeit vergehen. Zwischen zwei Alben
muss ich mich ja auch noch einer bestimmten Routine unterziehen.
Die Platte muss ja promotet werden, ich gebe Konzerte etc. Da
fehlt mir die Zeit, um ins Studio zu gehen. So lief das
jahrelang. Mittlerweile habe ich davon die Nase voll. Ich will
das einfach nicht mehr so machen. Das wird mir zu viel, denn es
läßt überhaupt keinen Raum für etwas anderes in meinem Leben.
Wenn ich dann aber mal angefangen habe mit einer neuen Sache,
habe ich keinen Schimmer, wie lange das dauern wird. Ich habe
einige interessante Leute kennen gelernt, die in der Klassik
zuhause sind und spiele mit dem Gedanken, mit ihnen etwas
gemeinsam zu machen. Eine endgültige Entscheidung habe ich aber
noch nicht getroffen. Mal sehen, wo das hinführt."
Sie haben angedeutet, dass Sie mit einem Orchester arbeiten
werden für das nächste Album. Verfolgen Sie mit diesem Projekt
ein bestimmtes Ziel, das Sie mit den Musikern erreichen wollen
oder lassen Sie sich gern überraschen, wohin diese Kooperation
Sie führen wird?
"Na ja – es ist so als tappe man im Dunkeln. Deshalb bin ich
nicht selten ziemlich überrascht von dem, was dabei herauskommen
kann. Es passiert mir ziemlich oft, daß ich ganz woanders lande,
als ich ursprünglich geplant hatte. Das ist eine spannende
Sache."
Wenn Sie in Ihrer Karriere zurückschauen, wie würden Sie den
Wandel im Musikgeschäft beschreiben?
"Ich fürchte, die Technologie ist inzwischen so gut geworden,
daß jeder damit arbeiten kann ohne wirklich Musiker zu sein.
Klar, du kannst immer noch ein Rockstar werden. Die Maschinen
können im Grunde alles für dich machen und was sie nicht können,
erledigen dann die Marketing- und Promotionleute der
Plattenfirmen. Im Grunde kann heute jeder erfolgreich und dabei
völlig talentfrei sein. Als ich damals anfing, mußtest du ein
Instrument spielen können. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich
sage ja nicht, daß ich die Technologie hasse. Im Gegenteil, sie
ist großartig. Ich mag es, damit zu experimentieren. Aber die
Sache ist die, daß ich versuche sie kreativ einzusetzen und als
Herausforderung für mich anzusehen. Das schöne an der Sache ist,
daß die Aufnahmen wie professionell eingespielt klingen. Deshalb
setze ich die Computersoftware gern ein. Aber es bleibt für mich
eine Herausforderung, kein nötiges Vehikel um Musik zu machen.
Deshalb habe ich mich auch entschieden, darauf bei meinem
nächsten Projekt zu verzichten. Ich versuche mich völlig auf die
Akustik zu beschränken und ein Orchester dafür einzusetzen."
Haben Sie einen Tipp für Nachwuchsmusiker?
"Lern ein Instrument und bemühe dich, es wirklich zu
beherrschen. Nutze jede Gelegenheit, um zu spielen, tritt auf,
so oft es geht und wenn das gut läuft, kannst du vielleicht als
Musiker auch etwas erreichen. Musik erscheint mir immer mehr als
verlorene Kunst. Musikalität, wirkliche Musikalität wird immer
seltener in diesem Geschäft. Natürlich gibt es immer noch
wirklich gute Musiker. Aber sie verlieren mehr und mehr an
Bedeutung. Jeder weiß inzwischen, daß es in dem Geschäft nur ums
Geld geht. Seltsamerweise steht keiner auf und spricht das mal
laut aus oder versucht gar etwas dagegen zu unternehmen."
Erinnern Sie sich noch an den Moment, indem Sie das erste Mal
mit Musik in Kontakt kamen?
"Oh – da war ich noch ein Knirps von 6 oder 8 Jahren. Ich wollte
eigentlich immer Pilot werden und wo hat das hingeführt? Ich bin
Musiker geworden." (lacht)
(aus Musician´s Life, 2006)
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