Night Of The Proms
Dreieinhalb Stunden im Espresso-Rausch
Sie verschmelze genial wie keine andere Klassik mit Rock, so
sagt man von der Konzertreihe "Night Of The Proms". Falsch.
Nicht die Melange ist ihr Erfolgsrezept, sondern das Prinzip
"Espresso": Schluck für Schluck Hochgenuß auf engstmöglichem
Raum. Am Dienstagabend berauschten sich 6000 Fans in der Messe
Erfurt an dem Event, das als belgische Studentenparty begann und
heute europaweit die Generation "40 plus" zu Pulsschlägen weit
über der Frequenz bringt, die man von den üblichen
Oldie-Revival-Partys gewohnt ist.
Träten ein 75jähriger, trotz frisch angeheirateter vierzehnter
Ehefrau deutlich verlangsamter Ike Turner, der spröde Mike
Oldfield oder selbst ein mit "Music Was My First Love" immer
noch stimmgewaltiger John Miles in Urform auf, heraus käme
gepflegter Pop von Stars der 70er, die es noch ganz gut können.
Eher öde, oder? Die "Night Of The Proms" nun gießt deren
Gassenhauer samt klassischen Versatzstücken und ein paar
Super-Hymnen in ein durchchoreographiertes Happening, das die
Musik gnadenlos auf ihren populären Kern eindampft.
Übersteuert wie ein privates Hit-Radio und umtost von
Lichtorgien, schleudert das elektrisch verstärkte Orchester
einen um alle Überleitungen und Zwischentöne bereinigten
"Feuervogel" (Strawinsky) in den Saal. Bizets "Carmen" landet
direkt neben "Sailing On The Seven Seas" von den
wiederauferstandenen Elektropoppern OMD. Mühelos leitet der
wattstark aufgepowerte Tenor Tony Henry von "Figaros Hochzeit"
zu Italoschnulzen über, erreicht ein Tina-Turner-Double nach
einem Mozart-Intro die "Nutbush City Limits", streift eine
jaulende E-Gitarre in vier Minuten die "Bilder einer
Ausstellung". Dazu wippt im Takt der Chor, blaubehemdet und
ständig winkend wie eine FDJ-Singegruppe.
Puristen rümpfen die Nase über solch unbefangene Entstellungen -
doch die Eindampf- und Verstärker-Methode von Dirigent Robert
Groslot funktioniert, wie das für hiesige Verhältnisse als
ausgeflippt zu bezeichnende Publikum zeigt. Dessen
Espresso-Rausch ist komplett, als Mike Oldfield auf seinen
Gitarren verträumt "Tubular Bells" zupft und hernach "Shadow On
The Wall" zelebriert mit John Miles. Noch ein Walzer und um halb
Zwölf "Yellow Submarine" zum Mitsingen. Schluß.
Dreieinhalb Stunden im Jahr, länger hält man diesen Rausch nicht
aus. Demnächst also wieder normale Musik. Melange statt
Espresso. Und im Dezember 2007 natürlich erneut "Night Of The
Proms". Draußen am Ticketvorverkauf stehen sie um Mitternacht
Schlange.
(aus Freies Wort, 2006)
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