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"Ich war schmutzig und lädiert"

Der britische Musiker Mike Oldfield, 54, über verfilzte Haare, den Einfluß von LSD auf seine Songs und seine Spinnenphobie

Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Mike Oldfield: Ich wollte endlich meine erste eigene Platte aufnehmen. Ich hauste im Norden Londons in einem finsteren Loch. Mit einem geliehenen uralten Tonbandgerät nahm ich erste rohe Versionen von "Tubular Bells" auf und betete für einen Vertrag.

Sie galten als Wunderkind. Wann haben Sie angefangen zu komponieren?

Mike Oldfield: Ich war sieben, als ich am Klavier "The Dying Swan" komponierte. Ein schreckliches und zum Glück vergessenes Stück Musik. Aber ich war auch ein düsteres Kind.

Wollten Sie immer Musiker werden?

Mike Oldfield: Nein, eigentlich träumte ich davon, als Pilot bei der Royal Air Force Flugzeuge zu fliegen. Aber als ich 13 war, kam leider LSD dazwischen. Das veränderte mein Leben. Ich war sehr früh sehr selbständig, weil meine Eltern einige Probleme hatten. Aber meinem Vater habe ich die Entdeckung der Gitarre zu verdanken. Er spielte jedes Jahr am 25. Dezember drei Songs mit drei Akkorden. Und die brachte er mir bei. Ich habe das dann etwas ausgebaut.

"Tubular Bells" war auch für die damalige Zeit sehr ungewöhnliche Musik. Ahnten Sie, daß das ein Bestseller werden könnte?

Mike Oldfield: Ich wußte es sogar, ich wußte auch, daß ich gut bin. Das Problem war nur, daß die verantwortlichen Plattenfirmenmenschen zu dumm waren. Ich bin damals wohl bei jeder Plattenfirma vorstellig geworden. Und es war im Grunde ein Wunder, daß sie mich überhaupt reingelassen haben. Ich war mit 17 eine wilde Erscheinung. Mein Haar war verfilzt und sehr lang. Ich war schmutzig und meine Kleidung lädiert, aber ich hatte bereits einen ganz guten Ruf, der mir die Türen öffnete. Aber niemand hörte mir länger als eine Minute oder so zu. "Tubular Bells" war ihnen zu irre: kein Sänger, kein Schlagzeug und knapp 50 Minuten lang.

Stimmt es, daß Sie in die Sowjetunion auswandern wollten?

Mike Oldfield: Absolut wahr. Als alle abgesagt hatten, wollte ich nur noch weg aus England. Ich hatte gehört, daß man als Künstler in der Sowjetunion vom Staat gefördert wird, was ich verlockend fand. Ich hatte das Telefonbuch auf den Knien und den Finger auf der Nummer der sowjetischen Botschaft, als mein Telefon klingelte und mir Richard Branson einen Vertrag anbot. Das ist kein Witz!

Der Bestseller "Tubular Bells" hat den Grundstein für Bransons Virgin-Imperium gelegt. Hatte der einen besonderen Instinkt?

Mike Oldfield: Der hatte schon damals keine Ahnung von Musik, nur Glück! Sein Partner Simon Draper hat ihn überredet, mir den Vertrag zu geben. Aber Branson war genial im Marketing, er hat dafür gesorgt, daß die Platte überall im Radio lief und in die Zeitschriften kam. Seitdem läuft "Tubular Bells" und läuft und läuft - bis heute.

Zu dem immensen Erfolg von "Tubular Bells" hat auch die Verwendung als Filmmusik in William Friedkins Horrorklassiker "Der Exorzist" beigetragen. Hat Ihnen der Film eigentlich gefallen?

Mike Oldfield: Ich habe mir ihn erst zehn Jahre nach dem Start angeschaut und muß gestehen, daß ich mich totgelacht habe. Dabei bin ich kein furchtloser Mensch. Im Gegenteil, ich habe mehr Phobien, als Sie sich ausmalen können. Zeigen Sie mir eine Spinne, und ich renne schreiend aus dem Raum.

War Ihr Drogenkonsum rückblickend betrachtet von Vor- oder Nachteil?

Mike Oldfield: Beides. Ich habe sehr an den Folgen meines Drogenkonsums zu leiden gehabt. Aber seien wir ehrlich: Ohne Drogen gäbe es kein "Tubular Bells". Ohne Drogen wäre ich heute wohl ein pensionierter British-Airways-Pilot.

(aus Spiegel, 2007)