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Zu viel Panik, Pillen, Party

Mike Oldfield ist seit kurzem ruhiger geworden und hat nun sogar ein Album mit klassischer Musik aufgenommen.Im Interview erzählt er vom wilden Leben auf Ibiza, seiner Rolle als Vater und seiner Sehnsucht nach Emotionen

Ganz haben sie ihn immer noch nicht losgelassen, die "Tubular Bells", nach denen Mike Oldfields Debütalbum und Jahrhundertwerk aus dem Jahr 1973 benannt ist. Das legendäre Leitmotiv der "Röhrenglocken" - die Platte ging bis heute knapp 17 Millionen Mal über die Ladentische weltweit - ist gleich zu Beginn des aktuellen Albums des inzwischen 54-jährigen, introvertierten Klangtüftlers aus dem englischen Reading zu hören, "Music Of The Spheres" betitelt. Ansonsten aber betritt der selbsternannte "ewige Eigenbrötler", der bis heute mehr als 120 Millionen Tonträger verkauft hat, mit dieser Platte für sich musikalisches Neuland: die Klassik!

"Ich bin mir noch nicht sicher, ob diese Sache klassische Musik ist", sinniert Oldfield, "da ich bislang immer davon ausging, daß Klassik von studierten Leuten komponiert wird, während ich ja in meinem Job Autodidakt bin. Aber Tatsache ist, daß "Music Of The Spheres" von Avantgarde-Klassikern wie Gustav Holst, Sergej Rachmaninoff oder Steve Reich stark beeinflußt worden ist. Na, dann kann die Sache ja nur Klassik sein, oder nicht", sagt Oldfield und lacht, in seiner berüchtigten Mischung aus Erstaunen, Fröhlichkeit und beinahe Hysterie. Willkommen in der Welt eines so sympathischen wie schrägen Kauzes!

Herr Oldfield, auf "Music Of The Spheres" findet sich neben dem Pianisten Lang Lang, der Sopranistin Hayley Westenra und dem Arrangeur Karl Jenkins auch das komplette Sinfonia Sfera Orchestra. Warum haben Sie die Lieder nicht wie früher im Alleingang und wie häufig am Computer eingespielt?

Oldfield: Eine Frage des Alters, fürchte ich! Ich bin mittlerweile über 50 und möchte, daß meine Arbeit auch von Gleichaltrigen ernst genommen wird. Dazu bedarf es eines seriösen musikalischen Anstrichs und eines Orchesters. - Aber nein, im Ernst: Mich fasziniert der Klang eines Orchesters. Dagegen kommt kein noch so moderner Computer an. Wenn Stücke von einem Orchester gespielt werden, klingen sie von Natur aus menschlich, warm, voller Emotionen.

Würden Sie behaupten, "Music Of The Spheres" markiert eine neue Ära in Ihrer 40-jährigen Musik-Karriere?

Oldfield: Die Platte ist irgendwie anders. Gleichzeitig ist sie auch meine 24. Scheibe. Also: Ich werde immer ich sein, kein Mensch kann sich völlig verändern. Wichtig ist mir, daß ich stets Musik mache, die tief aus meinem Inneren nach außen fließt. Ich war und bin ja wüsten Stimmungsschwankungen unterworfen, habe ein sehr, nun ja, abwechslungsreiches Emotionsleben. Aus diesem eigentlichen Mißstand schöpfe ich ziemlich viel Kreativität.

Woraus resultieren diese Stimmungsschwankungen?

Oldfield: Das hat mich der Arzt während meiner 20-jährigen Psychotherapie zwischen Mitte der 70er und Mitte der 90er auch immer gefragt. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß ich den Teil des Familienkarmas verkörpere, der für den Irrsinn steht. Mein Vater war ja die Bodenständigkeit in Person. Dem muß ich mit meiner schrägen Art zu leben etwas entgegen setzen, ob ich will oder nicht.

Sie haben lange Zeit unter Panikattacken und paranoiden Anfällen gelitten. Wie geht man damit um?

Oldfield: Ich leide immer noch darunter, auch wenn die Schübe bei weitem nicht mehr so häufig auftreten wie früher. Seit ich wieder Daddy geworden bin, sind sie sogar beinahe ganz verschwunden. Am Besten kompensiere ich diese Tatsache mit jeder Menge Sport, etwa einer Partie Golf. Und mit einem möglichst ausgeglichenen Privatleben. Ich bin Gottseidank inzwischen in einem Alter und an einem Punkt, wo ich eine glückliche Beziehung führe, die es mir ermöglicht, daß ich mich voll und ganz um meine Arbeit kümmern kann.

Da mutet Ihre Entscheidung ein wenig befremdlich an, die Sie vor einiger Zeit getroffen haben und die Sie nach mehrjährigem Exil auf der sonnigen Insel Ibiza zurück ins düstere England geführt hat. Wie darf man diese Entscheidung verstehen?

Oldfield: Ibiza ist ein ausgezeichneter Platz, um einen wilden Urlaub zu verbringen, keine Frage. Allerdings hat mein Urlaub dort rund drei Jahre gedauert. Das war für einen Mann in meinem Alter dann doch sehr kräftezehrend. All das verrückte Nachtleben, all die bunten Pillen. Ich bin jedenfalls froh, seit ein paar Jahren zurück zu sein im vertrauten, verregneten England. Dort kann ich mich jetzt endlich wieder ernsthaft um meine Arbeit kümmern.

Nachdem Sie ziemlich alles erreicht haben, was künstlerisch wie kommerziell für einen Musiker zu erreichen ist: Hat Mike Oldfield noch Erwartungen an die Zukunft?

Oldfield: Um ehrlich zu sein, ich fühle mich wie ein Zen-Buddhist, ich erwarte nichts mehr und existiere ziemlich entspannt im Hier und Jetzt, wenn man die eine oder andere Panikattacke mal ignoriert. Ich bin glücklicher Vater und werde weiterhin Platten aufnehmen, aber ich muß mir nichts mehr damit beweisen. Ich mache das ausschließlich, weil es mir Spaß bringt. Und ansonsten schaue ich ganz gelassen, was Tag für Tag passiert.

(aus WAZ, 2008)